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28.06.2010
 

Das internationale Währungschaos (IV)

Die Welt fährt auf Reserve

Von Henrik Müller

Ausdruck der wachsenden Stärke Singapurs: Beeindruckende Straßenzüge
REUTERS

Ausdruck der wachsenden Stärke Singapurs: Beeindruckende Straßenzüge

Der Euro in der Krise, Dollar und Pfund angezählt - um auf einen soliden Entwicklungspfad zurückzufinden, braucht die Welt dringend ein neues Währungssystem. Im vierten Teil der Serie beleuchtet manager magazin die Gefahren, die vom Aufbau gigantischer Devisenreserven ausgehen.

Hamburg - Noch nie in der Wirtschaftsgeschichte haben Staaten derart große Mengen fremder Währungen gehortet wie heute: Auf mehr als fünf Billionen US-Dollar sind sie in den ersten Jahren des 21. Jahrtausends angestiegen. Noch 1990 lag die Summe lediglich bei einer Billion. Binnen anderthalb Jahrzehnten verfünffachten sich also die Rücklagen in Fremdwährung. Chinas Devisenreserven stiegen sogar während der Krise noch weiter, auf mehr als zwei Billionen US-Dollar. Auch im übrigen Asien, in Hongkong und Malaysia, in Singapur und den Philippinen, stiegen die Fremdwährungsrücklagen weiter. Sie haben Niveaus erreicht, die alle vernünftigen Maßstäbe sprengen.

Früher ging man davon aus, dass ein Land aus drei Gründen Bestände an fremden Währungen vorhalten müsse: erstens um in jedem Fall notwendige Importe bezahlen zu können, zweitens um seine kurzfristigen Schulden gegen über dem Ausland bedienen zu können, drittens um seinen Wechselkurs im Rahmen eines Festkurssystems wie Bretton Woods oder des späteren Europäischen Währungssystems (EWS) verteidigen zu können.

Nach diesen Maßstäben gelten folgende Faustregeln als angemessen: Ein Land sollte so viele Währungsreserven vorhalten, dass es ständig in der Lage ist, 25 bis 50 Prozent seiner jährlichen Importe zahlen zu können (falls sein Exportsektor eine plötzliche Schwäche erleiden sollte) und 100 Prozent der kurzfristig fälligen Auslandsverbindlichkeiten abdecken zu können (und somit gegen eine plötzliche Kapitalflucht abgesichert zu sein). Und was das dritte Kriterium, die Verteidigung des Wechselkurses, betrifft, so gilt dies überhaupt nur für Länder, die sich womöglich gegen eine Abwertung im Rahmen eines formalen Wechselkurssystems wie dem Bretton-Woods-I-System stemmen müssen - was bei Überschussländern gerade nicht der Fall ist, die ja eine Aufwertung zu verhindern suchen und deshalb massenhaft Fremdwährung vom Markt kaufen.

In der Realität schießen viele Länder weit über diese Faustregeln hinaus. Chinas Devisenreserven entsprachen bereits Anfang 2009 nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Volksrepu blik und fast einem Jahresvolumen an Importen: Fast ein ganzes Jahr könnten die Chinesen ihre gesamten Einfuhren nur aus ihren Währungsbeständen bezahlen, ohne einen einzigen Dollar, Euro oder Yen im Export einnehmen zu müssen.

Groteske Überschreitung traditioneller Maßstäbe

Noch abstruser ist die Größenordnung der chinesischen Währungsreserven, wenn man sie am Kriterium der Auslandsverschuldung misst: So entsprachen die Rücklagen fantastischen 1 873 Prozent der kurzfristig (bis zu einem Jahr) fälligen Auslandsschulden. Inzwischen hat China sogar Devisenreserven von 2,5 Billionen Dollar - eine halbe Billion mehr als noch Anfang 2009. Ähnlich aus dem Ruder gelaufen sind die Rücklagen in den kleineren asiatischen Ländern und bei den Ölexporteuren. Russland, Besitzer von Reserven im Wert von 368 Milliarden US-Dollar, kann 446 Prozent seiner kurzfristigen Auslandsschulden decken und anderthalb Jahre seine gesamten Importe bestreiten (Stand 2009).

Dass die Devisenreserven unangemessen hoch sind, ist also offensichtlich. Praktisch alle Schwellenländer, darunter auch die Demokratien mit eigenständiger Geldpolitik wie Brasilien, überschreiten die traditionellen Maßstäbe, teils in grotesker Größenordnung.

Angesichts dieser Zahlen stellt sich eine grundsätzliche Frage: Warum scheint es diese vergleichsweise armen Länder eigentlich nicht zu stören, derart große Rücklagen in überbewerteter Fremdwährung anzusammeln?

Die Strategie der Währungshortung um jeden Preis ist eine Reaktion auf die Emerging-Market-Crashes der neunziger Jahre. Damals erschütterte eine Reihe von Kapitalfluchten die Schwellenländer: 1994 Mexiko, 1997/98 Asien, 1998 Russland, 1999 Argentinien und Brasilien. In einer wahren Stampede verließen die Anleger die Schwellenländer, schickten Währungen, Wohlstand und Finanzmärkte auf Talfahrt und entmachteten Regierungen. In der Folge mussten sich diese bis dahin boomenden Nationen vom IWF retten lassen und sich einem restriktiven wirtschaftspolitischen Kurs unterwerfen.

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