Von Henrik Müller
Hamburg - Das Geld fließt in breiten Strömen bergauf. Ökonomie paradox: Die ärmeren Schwellenländer investieren ihre Überschüsse in einigen reichen westlichen Volkswirtschaften, vor allem in die USA. Dieses Muster, das sich in der vergangenen Dekade herausgebildet und bis heute Bestand hat, ist das Gegenteil dessen, was die übliche Lehrbuchökonomik vorhersagen würde: Eigentlich sollten die reichen Volkswirtschaften, wo bereits viel investiert wurde, überschüssige Ersparnisse in weniger entwickelten Volkswirtschaften anlegen, um dort Investitionen zu finanzieren - mit der Folge, dass die ärmeren Nationen ihren Entwicklungsrückstand allmählich aufholen können.
Doch die Mechanik der Weltwirtschaft hat sich in weiten Teilen umgekehrt: Ärmere Länder, voran China, produzierten Überschussersparnisse - vor allem, weil sie ihre Wechselkurse manipulierten. Diese Gelder wiederum wurden zurückgeschickt in die reiche Länder, voran die USA, die diese zu übermässigem Konsum verleiteten. Zur Mitte der 2000er Jahre borgten sich die Amerikaner jährlich annähernd eine Billion Dollar im Ausland - zwei Drittel des weltweiten Nettokapitalangebots wurden von den USA aufgesaugt. Eine höchst ungesunde, ja widersinnige und letztlich unmoralische Entwicklung. Kurz gesagt, finanzierten chinesische Arbeitskräfte mit einem wechselkursinduzierten Kaufkraftverzicht die Billighypotheken für amerikanische Geringverdiener.
Und doch taten die US-Administrationen lange Zeit praktisch nichts, um diese Abhängigkeit von Kapitalimporten zurückzudrängen und auf einen langfristig tragfähigen Wachstumspfad einzuschwenken. Warum auch? Schließlich waren sie in der höchst komfortablen Situation, ihren Bürgern einen rapide steigenden Wohlstand zu ermöglichen, auch wenn dies eine kreditfinanzierte Illusion war. Klar, wer den Leuten erzählt, sie müssten den Gürtel enger schnallen, der wird keine Wahlen gewinnen.
Die Botschaft ist unpopulär, gerade in den USA. Viel unpopulärer auf jeden Fall als die Aussicht auf eine unendliche Konsumorgie. Die intellektuellen Cheerleader dieses unsoliden Booms ließen nicht lange auf sich warten. Ökonomen und Notenbanker beeilten sich, die passenden Erklärungen und Rechtfertigungen zu liefern:
Wie so häufig gingen Opportunismus, Patriotismus und ideologische Verblendung eine fatale Verbindung ein. Tatsächlich gehört schon ein gehöriges Maß an Verblendung dazu, anhaltende Ungleichgewichte in solchen Größenordnungen für irgendwie effizient zu halten.
Das Gegenteil ist richtig: In Wahrheit war diese Entwicklung nur möglich, weil der Marktmechanismus auf dem Devisenmarkt außer Kraft gesetzt war. Weil die Wechselkurse sich nicht anpassen durften, raste die Welt über Jahre jenseits der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in die falsche Richtung. Und sie tut es bis heute.
Die Folge war nicht nur eine Verformung der Wirtschaftsstrukturen (aufgeblähte Bausektoren, überschuldete Haushalte, bankrotte Banken), sondern auch die Ansammlung gigantischer Devisenreserven in den Schwellenländern, deren Niveau schon seit Jahren immer weiter steigen - über jedes vernünftige Maß hinaus.
Lesen Sie morgen den nächsten Teil der Serie: Die Risiken großer Devisenreserven
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