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27.06.2010
 

Das internationale Währungschaos (III)

Die Welt im Ungleichgewicht

Von Henrik Müller

Peking: Marktmechanismus auf dem Devisenmarkt außer Kraft gesetzt
REUTERS

Peking: Marktmechanismus auf dem Devisenmarkt außer Kraft gesetzt

Der Euro in der Krise, Dollar und Pfund angezählt, der chinesische Yuan massiv unterbewertet - um auf einen soliden Entwicklungspfad zurückzufinden, braucht die Welt dringend ein neues Währungssystem. Im dritten Teil der Serie analysiert manager magazin die wieder zunehmenden globalen Ungleichgewichte.

Hamburg - Das Geld fließt in breiten Strömen bergauf. Ökonomie paradox: Die ärmeren Schwellenländer investieren ihre Überschüsse in einigen reichen westlichen Volkswirtschaften, vor allem in die USA. Dieses Muster, das sich in der vergangenen Dekade herausgebildet und bis heute Bestand hat, ist das Gegenteil dessen, was die übliche Lehrbuchökonomik vorhersagen würde: Eigentlich sollten die reichen Volkswirtschaften, wo bereits viel investiert wurde, überschüssige Ersparnisse in weniger entwickelten Volkswirtschaften anlegen, um dort Investitionen zu finanzieren - mit der Folge, dass die ärmeren Nationen ihren Entwicklungsrückstand allmählich aufholen können.

Doch die Mechanik der Weltwirtschaft hat sich in weiten Teilen umgekehrt: Ärmere Länder, voran China, produzierten Überschussersparnisse - vor allem, weil sie ihre Wechselkurse manipulierten. Diese Gelder wiederum wurden zurückgeschickt in die reiche Länder, voran die USA, die diese zu übermässigem Konsum verleiteten. Zur Mitte der 2000er Jahre borgten sich die Amerikaner jährlich annähernd eine Billion Dollar im Ausland - zwei Drittel des weltweiten Nettokapitalangebots wurden von den USA aufgesaugt. Eine höchst ungesunde, ja widersinnige und letztlich unmoralische Entwicklung. Kurz gesagt, finanzierten chinesische Arbeitskräfte mit einem wechselkursinduzierten Kaufkraftverzicht die Billighypotheken für amerikanische Geringverdiener.

Und doch taten die US-Administrationen lange Zeit praktisch nichts, um diese Abhängigkeit von Kapitalimporten zurückzudrängen und auf einen langfristig tragfähigen Wachstumspfad einzuschwenken. Warum auch? Schließlich waren sie in der höchst komfortablen Situation, ihren Bürgern einen rapide steigenden Wohlstand zu ermöglichen, auch wenn dies eine kreditfinanzierte Illusion war. Klar, wer den Leuten erzählt, sie müssten den Gürtel enger schnallen, der wird keine Wahlen gewinnen.

Die Botschaft ist unpopulär, gerade in den USA. Viel unpopulärer auf jeden Fall als die Aussicht auf eine unendliche Konsumorgie. Die intellektuellen Cheerleader dieses unsoliden Booms ließen nicht lange auf sich warten. Ökonomen und Notenbanker beeilten sich, die passenden Erklärungen und Rechtfertigungen zu liefern:

  • a) nämlich dass die US-Defizite ein Zeichen von wirtschaftlicher Stärke seien (die glänzenden Zukunftsaussichten der Vereinigten Staaten würden angeblich für höhere Kapitalrenditen sorgen, sodass Anlagen in den USA überaus sinnvoll und zum gegenseitigen Vorteil seien),
  • b) dass es einen globalen Ersparnisüberschuss gebe, einen "savings glut", wie es der spätere US-Notenbankchef Ben Bernanke formulierte (den USA bleibe eigentlich gar nichts anderes übrig, als die übermässige globale Ersparnis in Konsumnachfrage zu verwandeln und so die Weltkonjunktur am Laufen zu halten),
  • c) dass kein Kapitalmarkt so groß, so breit, so tief, so liquide sei wie der US-amerikanische (sodass den Überschussländern eigentlich gar nichts anderes übrig bleibe, als ihre Überschüsse in die USA zu tragen)
  • d) dass auf einem globalen Kapitalmarkt die Begriffe "Überschuss" und "Defizit" irrelevant seien (was jeder, der nur die geringste Ahnung von der Materie habe, wisse, und dass all jene, die immer noch von "Ungleichgewichten" redeten, die moderne Weltwirtschaft nicht verstanden hätten).

Wie so häufig gingen Opportunismus, Patriotismus und ideologische Verblendung eine fatale Verbindung ein. Tatsächlich gehört schon ein gehöriges Maß an Verblendung dazu, anhaltende Ungleichgewichte in solchen Größenordnungen für irgendwie effizient zu halten.

Das Gegenteil ist richtig: In Wahrheit war diese Entwicklung nur möglich, weil der Marktmechanismus auf dem Devisenmarkt außer Kraft gesetzt war. Weil die Wechselkurse sich nicht anpassen durften, raste die Welt über Jahre jenseits der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in die falsche Richtung. Und sie tut es bis heute.

Die Folge war nicht nur eine Verformung der Wirtschaftsstrukturen (aufgeblähte Bausektoren, überschuldete Haushalte, bankrotte Banken), sondern auch die Ansammlung gigantischer Devisenreserven in den Schwellenländern, deren Niveau schon seit Jahren immer weiter steigen - über jedes vernünftige Maß hinaus.

Lesen Sie morgen den nächsten Teil der Serie: Die Risiken großer Devisenreserven

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