Von Henrik Müller
Genau das ist die Krux: Glaubwürdig eigenständige Notenbanken kann es nur in funktionierenden Demokratien geben, und auch dort ist die Bewahrung der Unabhängigkeit schwierig genug. Viele Schwellenländer aber werden autoritär regiert. Behördliche Willk ür ist an der Tagesordnung. Natürlich könnten sie ihre Notenbanken für unabhängig erklären. Nur vertrauen würde darauf niemand. Mit einem Federstrich, einem Dekret, einem Anruf kann die autoritäre Staatsführung der Währungsbehörde Weisungen erteilen, und sie muss sich dafür anschließend vor niemandem rechtfertigen. Also verfallen die autoritären Herrscher auf einen Trick: Sie borgen sich Glaubwürdigkeit bei den Währungen der großen demokratischen Volkswirtschaften beim Dollar und, bislang selten, beim Euro. Indem sie den Wert ihres nationalen Geldes an eine Weltwährung koppeln, versuchen sie, Vertrauen zu importieren.
Eine globale Tendenz ist erkennbar: Je weniger Legitimität die Institutionen eines Staates genießen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die nationale Währung an eine fremde Ankerwährung gebunden ist. Deshalb haben sich China, Vietnam und die meisten Ölexporteure mit festen oder gleitenden Wechselkursen an den Dollar gebunden, deshalb manipulieren Russland und andere ehemalige sowjetische Staaten ständig die Devisenmärkte. Nur in der Gruppe der Länder mit freien Wechselkursen und eigenständiger Geldpolitik sind die Demokratien in der Mehrheit. Die verbreitete Unselbstständigkeit der Notenbanken schürt die Inflation. Statt die Zinsen anzuheben, folgen sie dem Niedrigzinskurs der amerikanischen Notenbank. In China, Russland und am Persischen Golf sind die Zinsen über Jahre real (nach Abzug der Inflation) negativ gewesen, was die Überhitzung noch angefacht hat.
Aus dieser Situation gibt es keinen schnellen Ausweg. Schon in den 80er Jahren fiel es westlichen Ländern schwer, ihre Notenbanken in die Unabhängigkeit zu entlassen und ihre Währungen zu stabilisieren. Und das waren etablierte Demokratien. Die Folge dieser währungspolitischen Abhängigkeiten ist das Phänomen der globalen Ungleichgewichte. Und ihrem Gegenstück: den gigantischen Devisenreserven.
Lesen Sie morgen den nächsten Teil der Serie: Die Welt im Ungleichgewicht.
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