Der Konflikt zwischen den bedeutenden Ratingagenturen und der Politik ist in dieser Woche eskaliert. Am Dienstag stufte Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit der belgischen Hauptstadtregion Brüssel von "stabil" auf "negativ" herab. Da hatte die in Brüssel sitzende EU-Kommission bereits angekündigt, am Tag darauf ihre Pläne für eine strengere Kontrolle der Ratingagenturen vorstellen zu wollen.
Ein Zufall? Keineswegs, wie es scheint. Dem Redakteur einer belgischen Lokalzeitung, der sich bei Standard & Poor's nach dem Vorgang erkundigte, wurde am Telefon offen gedroht. Sollte er kritisch über die Sache berichten, so werde Standard & Poor's nicht zögern, auch das Rating der Zeitung zu senken, sagte ein Pressesprecher. Außerdem werde man die Kreditwürdigkeit des Journalisten herabstufen, und zwar drastisch. Notfalls unter jene von Griechenland.
Christoph Rottwilm
Eine Kostprobe, wie so etwas aussehen könnte, hat Fitch bereits erstellt. Die EU-Kommission als fiktiver Auftraggeber komme dabei allerdings nicht gut weg, teilt die Agentur mit. Die Aussagen der Brüsseler Politiker seien lediglich "bedingt glaubwürdig" (Note "B -"), so das Urteil. Vor allem beim Thema Finanzmärkte fehle es an Kompetenz. Die Umfragewerte der EU-Kommission brachen nach Veröffentlichung der Dummy-Ergebnisse massiv ein.
Die Ratingprofis erhoffen sich viel von ihrer Innovation. Der Bedarf an Transparenz in der politischen Öffentlichkeit sei immens, sagt ein Moody's-Sprecher zu manager magazin. Der Wähler brauche Orientierung, die ihm nur von unabhängiger Seite verschafft werden könne. Von absolut unabhängiger.
Auf der anderen Seite komme, wer politisch künftig mitspielen wolle, über kurz oder lang nicht um eine solche Beurteilung herum. Schließlich, so der Sprecher, sei das Rating nicht teuer. Man habe beim Pricing peinlich genau darauf geachtet, dass die Kosten eines Wahrheitsratings das Kreditrating des Kunden nicht in Gefahr bringen können.
© manager magazin Online 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH