mm: Hat die Deregulierung nicht auch nötige Freiräume geschaffen?
Werner: Die Regierung muss auf eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte dringen. Natürlich brauchen wir in der Wirtschaft Freiräume, um Initiative zu ermöglichen. Aber das ist absolut nicht gleichbedeutend mit dem Fehlen von Regeln. Ganz im Gegenteil.
mm: Die Freiheit erhöhen, indem man die Regeln verschärft - mit dieser Ansicht galt man noch vor Kurzem in Wirtschaftskreisen als wunderlich.
Werner: Richtig, dabei stößt sich niemand daran, wenn der Kontext ein anderer ist. Fußball etwa ist immer dann am besten, wenn kreative Spieler die eigenen Grenzen ausloten und jene, die ihnen die Spielregeln setzen. Es käme niemand auf die Idee, die Regeln beim Fußball abzuschaffen, um noch mehr Kreativität freizusetzen. Das Ergebnis wäre nicht kreativ, sondern chaotisch.
Oder ein anderes Beispiel: Die Freiheit, mich mit einem Auto von A nach B zu bewegen, geben mir erst die strengen Regeln unserer Straßenverkehrsordnung. Wenn jeder ohne Regeln fahren würde, wäre es unmöglich, heil anzukommen.
mm: Wie wird die Wirtschaft nach der Krise aussehen?
Werner: Halten wir mal fest, dass die Versorgung noch immer funktioniert. Rohstoffe werden geliefert, Sie können weiter Brot kaufen, und man kann noch immer Ihre Texte im Internet aufrufen. Also: Auf den ersten Blick wird die Wirtschaft kaum anders aussehen.
mm: Und auf den zweiten Blick?
Werner: Ich habe die Hoffnung, dass sich das Interesse in den Unternehmen verschiebt. Heute wird noch viel zu oft gefragt, wie etwas funktionieren soll, aber viel zu selten, warum wir als Unternehmer etwas tun. Viele Manager konzentrieren sich auf die Technik des Managements, aber sie scheuen die Sinnfrage, dabei könnte sie die vor vielen Verirrungen bewahren. Wichtiger als das Know-how ist das Know-why.
mm: Klingt gut, aber unkonkret.
Werner: Dann nehmen Sie unser Steuersystem. Die Leute reden sich die Köpfe heiß über Details der Besteuerung, etwa die Pendlerpauschale. Es fragt aber niemand mehr, warum wir Steuern erheben. Sie sollen die Aufgaben des Staates finanzieren, aber gleichzeitig Initiative nicht ausbremsen. Damit ist klar, dass die Grundlage von Steuern nicht das Einkommen sein kann, denn eine Einkommensteuer zieht Geld ab, bevor die Wertschöpfung erfolgt ist. Konsumsteuern dagegen setzen nach der Wertschöpfung an.
mm: Sie treffen aber all jene härter, die einen größeren Teil ihres Einkommens in den Konsum stecken müssen. Das sind Arme und Geringverdiener.
Werner: Unterm Strich fände keine Benachteiligung statt. Schließlich sind alle anderen Steuern, die wir heute haben, doch auch in den Endpreisen berücksichtigt. Die Einkommensteuer beeinflusst ja die Gehaltsverhandlungen der Arbeitgeber und damit wieder ihre Preisgestaltung für Produkte. Alle Steuern werden letztlich eingepreist. Wenn die Unternehmensteuer erhöht wird, steigen auch die Preise. Das gilt über Umwege auch für Vermögen- oder Erbschaftsteuern.
mm: Um Ihre Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist es vergleichsweise still geworden. Scheitert sie in der Schuldenkrise der Euro-Staaten an der schnöden Finanzierbarkeit?
Werner: Die vermeintliche Stille liegt daran, dass über andere Themen lauter gesprochen wird. Tatsächlich breitet sich die Idee aus. Es gibt immer mehr Menschen, die sich das vorstellen können.
mm: Worin besteht genau die Idee?
Werner: Erstens: Der Mensch braucht ein Einkommen. Zweitens: Das Einkommen soll nicht die Bezahlung für Arbeit sein, sondern Arbeit ermöglichen. Erst wer ein Einkommen hat, um seine Grundbedürfnisse zu stillen, hat die Freiheit, sich sinnvoll zu engagieren. Wenn wir diese Entkoppelung von Arbeit und Einkommen haben, dann dient Arbeit eben nicht mehr der Maximierung von Einkommen, sondern der Maximierung von Sinn. Das hat Vorteile für alle, egal welcher Beschäftigung man nachgehen will.
mm: Aber das Einkommen muss irgendwo herkommen. Wie steht es also mit der Finanzierbarkeit?
Werner: Alles, was produziert werden kann, ist finanzierbar, sagte Oswalt von Nell-Breuning. Und er setzte hinzu: Vorausgesetzt, wir haben den ehrlichen Willen dazu. Wir leben ja nicht vom Geld, sondern von den Gütern. Das Geld hat seinen Wert nur durch Güter und Dienstleistungen, für die es steht - andernfalls erleben wir wieder eine Finanzkrise. Das heißt: Wenn es die Güter gibt, gibt es auch das Geld. Die Frage ist nur: Wo will die Gesellschaft das Geld, das ja da ist, einsetzen?
Insofern wird die Idee des Grundeinkommens von der Schuldenkrise nicht berührt. Es geht um den politischen und gesellschaftlichen Willen zur Veränderung.
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