Freitag, 17. August 2018

ZF Friedrichshafen - Aufsichtsratschef weg, Vorstandschef weg Warum am Bodensee ein epischer Machtkampf um einen Milliardenkonzern tobt

Stefan Sommer (links) verlässt ZF Friedrichshafen - sein Widersacher, Oberbürgermeister Andreas Brand, zugleich Mitglied des Präsidiums des ZF-Aufsichtsrats, hat den Machtkampf gewonnen

Aufsichtsratschef weg, Vorstandschef weg - bei einem der wichtigsten deutschen Autozulieferer tobt ein irrer Machtkampf. Mittendrin: der Oberbürgermeister einer Provinzstadt.

Der folgende Text ist ein leicht veränderte Fassung unserer Analyse aus dem Dezember-Heft, das Ende November erschien. Sie beschreibt und analysiert die Gründe für den beispiellosen Machtkampf bei ZF Friedrichshafen, einer der fünf größten Automobilzulieferer der Welt mit einem Umsatz von zuletzt rund 35 Milliarden Euro. Damit Sie künftig besser früher als später informiert sind, empfehlen wir ein Abo.

Ende Oktober verfasste Giorgio Behr (69) eine Eloge auf sich selbst. Er werde sich im nächsten Frühjahr nicht mehr zur Wiederwahl stellen, schrieb der Aufsichtsratsvorsitzende der ZF Friedrichshafen AG den Kontrolleurskollegen. Um dann einen Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre folgen zu lassen, in dem er sein Wirken gebührend würdigte.

Tatsächlich wird der Schweizer seinem Nachfolger einen Konzern übergeben, der in eine völlig andere Dimension gewachsen ist. Von 12,5 Milliarden Euro auf 35 Milliarden Euro Umsatz, und das bei ordentlichen Gewinnen. In der Hierarchie der globalen Zulieferer steht nur noch Bosch klar vor der früher so biederen Zahnradfabrik.

Doch der Stolz auf diese Erfolge hält sich aktuell in Grenzen, denn in Friedrichshafen tobt ein bizarrer Machtkampf. Vorstandschef Stefan Sommer (54) fühlt sich eingeschränkt in seiner Freiheit durch den Hauptgesellschafter, die städtische Zeppelin-Stiftung. Gestützt von Chefaufseher Behr, drängt der CEO seit Monaten unverdrossen auf mehr Einfluss. Den verweigert ihm eine breite Allianz um Oberbürgermeister Andreas Brand (53); und "vielleicht geht im Frühjahr nicht nur der Aufsichtsratsvorsitzende", orakelt ein Kontrolleur. "Sind bestimmte Grenzlinien überschritten, ist das Vertrauen nicht mehr da, muss man reagieren."

Scheitert einer der zupackendsten CEOs der deutschen Industrie am Ende am Oberhaupt eines Provinzstädtchens? (Am Abend des 7. Dezember trat Sommer dann tatsächlich zurück)

Bei dem Streit geht es um Konkretes und Grundsätzliches: Da ist ein Übernahmeversuch, den der Aufsichtsrat dem CEO verwehrte (mm 10/2017). Genauso wenig passt es dem Vorstand, dass die Stadt künftig mehr Dividende ausschütten lässt. Noch zentraler aber ist: Sommer und Behr würden das Stiftungsunternehmen gern an die Börse bringen. Die städtischen Eigner sind strikt dagegen. Dass die Hauptakteure des Bodenseedramas sich persönlich nicht sonderlich mögen, macht die Sache nicht einfacher.

Der parteilose Brand wurde im März mit 79,9 Prozent der Stimmen für eine zweite Amtszeit gewählt. Der Bürgermeister ist alles andere als ein beschränkter Provinzler. Qua Amt führt er die Zeppelin-Stiftung und sitzt im Präsidium des ZF-Aufsichtsrats. Er lässt sich beraten von Investmentbankern und Rechtsanwälten. Lange hat er seinem Vorstandschef alle Freiheiten gelassen, der 9,5 Milliarden Euro teuren Übernahme des US-Zulieferers TRW 2014 ebenso zugestimmt wie dem Angebot für den schwedischen Bremsenspezialisten Haldex.

Als der Vorstandschef dann im Sommer mehr als sechs Milliarden Euro für den belgischen Wettbewerber Wabco bieten wollte, sagte der Bürgermeister jedoch Nein. "Tollkühn reicht nicht aus zur Beschreibung dieses Plans", verteidigt ein Beteiligter Brands Blockade.

Der Politiker wusste die Ulderup-Stiftung als Minderheitsaktionär hinter sich, im Gemeinderat hat sich in Sachen ZF eine große Koalition gebildet. Fast der komplette Aufsichtsrat war Brands Meinung - mit Ausnahme des Vorsitzenden.

Giorgio Behr genießt in der Schweiz einen zweifelhaften Ruf, seit seine Beteiligungsgesellschaft BBC Group durch aggressive Übernahmeversuche auffiel. Die Schweizer "Bilanz" taxiert sein Vermögen auf 425 Millionen Franken. Als es um die finanziellen Risiken der Wabco-Übernahme ging, erklärte Kapitalmarktfan Behr lapidar: "Im Worst Case machen wir halt den IPO."

Stefan Sommer galt lange als Idealbesetzung für den Vorstandsvorsitz. Er ist ein intelligenter Stratege, zu wünschen übrig lässt allein seine Sozialkompetenz. 2008 von Continental Börsen-Chart zeigen abgeworben, hat er ZF mit der Übernahme von TRW fürs Zeitalter des autonomen Fahrens gerüstet. Der Kauf von Haldex oder Wabco sollte fehlendes Know-how fürs Truckgeschäft beschaffen.

Mit zitternden Händen nahm Sommer im Aufsichtsrat die Ablehnung der Wabco-Offerte auf - und geigte der Runde gleich die Meinung: "Sie haben dem Truckbereich die Möglichkeit verbaut, im internationalen Wettbewerb eine führende Rolle zu spielen", zitiert ihn ein Teilnehmer der Sitzung.

Seither ist an der ZF-Spitze nichts mehr, wie es war. Erst ging Sommer mit einem Interview in die Offensive. Er brauche die "Freiheit zu tun, was notwendig ist", sagte er der "Schwäbischen Zeitung", "die Gesellschafterstruktur sollte das Unternehmen auch in Zukunft nicht in seiner Entwicklung einschränken."

Im September tauchte auf der Tagesordnung der Aufsichtsratssitzung plötzlich wieder das "Projekt Vancouver" auf - Codewort für Wabco. Wenn ZFs Trucksparte keinen Partner bekomme, warnte Sommer, könne er für die Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr garantieren. Es drohten ernste Folgen für den Standort Friedrichshafen.

Wochenlang wurde gerangelt, dann musste der CEO erneut klein beigeben. Hatte aber das nächste Streitthema schon gefunden: Die Stiftung will mehr Geld.

18 Prozent des Nettogewinns soll ZF künftig ausschütten. 156 Millionen Euro hätte die Zeppelin-Stiftung für ihren 93,8-Prozent-Anteil nach der neuen Berechnungsgrundlage für 2016 erhalten, ein Plus von gut 100 Millionen Euro. Sie will mit dem zusätzlichen Geld einen Kapitalstock von einer Milliarde Euro ansparen - eine Idee, die schon Chefaufseher Behr vorgetragen hatte. So könne man das Stiftungsvermögen diversifizieren und sei weniger abhängig von der Dividende.

Als "grundsätzlich leistbar" kommentierte CEO Sommer das Vorhaben. Doch seine Vertrauten giften, im Zeitalter der Disruption könne ZF das Geld besser einsetzen. Gewiss, der börsennotierte Rivale Conti schütte rund 30 Prozent des Nettogewinns aus. Andere Stiftungsunternehmen indes, wie Mahle und Bosch, müssten deutlich weniger abzwacken.

An Bosch könne sich ZF sowieso ein Vorbild nehmen. Dort hält sich die Robert Bosch Stiftung als Hauptgesellschafter raus aus dem Geschäft. Wenn schon kein Börsengang, dann bitte wenigstens eine solche Governance, sticheln die ZF-Vorstände.

Für einen derartigen Kompromiss scheint es zu spät. Das Verhältnis zwischen Sommer und Brand gilt als zerrüttet. Dass Aufsichtsratschef Behr den CEO mit einem "Handelsblatt"-Interview stützte, verschärft den Streit eher noch. Die Lage sei "sehr ernst", heißt es im Vorstand. Wenn die Eigner jetzt "eine Handpuppe" zum Chefaufseher machten, sei es nicht ausgeschlossen, dass Sommer hinwerfe.

Zumal er den Behr-Nachfolger eigentlich mit auswählen wollte und sein Wunsch- profil bereits vorgetragen hat. Doch Brand und seine Unterstützer suchen lieber selbst. Womit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass in Friedrichshafen bald zwei Topjobs frei werden.

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