Freitag, 20. Oktober 2017

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Regulierung Wirtschaftsprofessor Hellwig zerreißt Banker-Warnungen

Banken: Finanzbranche führt die Regierungen vor
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Christoph Papsch für manager magazin

Banken sind für viele Deutsche zum Staatsfeind avanciert. Im Interview sagt der Bonner Wirtschaftsprofessor Martin Hellwig, wie er das Finanzsystem krisenfest machen will - und warum er die Argumente der Lobby gegen strengere Regeln für blanken Unsinn hält.

mm: Herr Professor Hellwig, in Ihrem jüngsten Buch "The Bankers' New Clothes" greifen Anat Admati und Sie die Finanzbranche frontal an. Haben Sie im Geldgewerbe noch Freunde?

Hellwig: Natürlich. Viele Banker sagen uns sogar im Vertrauen, dass wir mit unserer Analyse recht haben.

mm: Allzu freundschaftlich gehen Sie mit den Geldmanagern aber nicht um. Nach der Lektüre Ihres Buches hat man den Eindruck, Bankern gehe es nur um den eigenen Vorteil, sie machten sich auf Kosten anderer breit.

Hellwig: Dass Banker ihren eigenen Vorteil suchen, ist nicht verwerflich. Das tun Bäcker oder Softwareunternehmer genauso. Nur: Wenn Bäcker und Softwareunternehmer Verluste machen und drohen bankrottzugehen, springt der Steuerzahler nicht ein und ist auch keine Wirtschaftskrise zu befürchten. Bei drohenden Bankenpleiten hingegen hilft der Staat, um einer Krise zu entgehen.

mm: Auch bei drohenden Pleiten großer Industriefirmen greift die Politik bisweilen ein.

Hellwig: Das ist die Ausnahme. Bei Banken muss die öffentliche Hand regelmäßig aushelfen. Die Summen sind immens. Die Kosten der Staatshilfe für Hypo Real Estate betragen inzwischen 19 Milliarden Euro. Die Westdeutsche Landesbank hat den Steuerzahler seit 2005 18 Milliarden Euro gekostet, die Staatshilfe für die IKB fast 10 Milliarden Euro. Dazu kommen die Rekapitalisierungen verschiedener Landesbanken. Die HSH Nordbank hat 3 Milliarden Euro erhalten, die BayernLB 10 Milliarden Euro, die Landesbank Baden-Württemberg 5 Milliarden Euro. Bei der Commerzbank dürften die Verluste des Bundes auch mehrere Milliarden ausmachen. Macht insgesamt knapp 70 Milliarden Euro allein in Deutschland.

mm: In Ihrem Buch schreiben Sie, kaum jemand traue sich, das Geschäftsgebaren der Banken wirksam zu regulieren und ihrem riskanten Verhalten Einhalt zu gebieten. Warum nicht?

Hellwig: Die meisten Politiker lassen sich von den Warnungen der Banker beeindrucken, stärkere Regulierung könnte die Kreditvergabe und das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen. Sie wagen nicht, das zu hinterfragen. Das Thema ist ihnen zu kompliziert, außerdem fehlt ihnen oft das nötige Vorwissen. Und schließlich denken viele daran, dass "ihre" Banken die Dinge finanzieren sollen, die sie gern unterstützt haben möchten.

mm: Aber die Regeln des Bankgeschäfts wurden doch nach der Finanzkrise erheblich verschärft. Vor allem die Anforderungen an das Eigenkapital der Banken sind deutlich gestiegen.

Hellwig: Wirklich? Bei der Deutschen Bank betrug das Eigenkapital Ende 2012 stolze 8 Prozent der sogenannten "risikogewichteten Anlagen", mehr als nach den neuen "Basel III"-Regeln gefordert. Das waren aber weniger als 3 Prozent der Bilanzsumme - genau wie vor der Krise und ähnlich wie bei der US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Insolvenz 2008 die Finanzkrise auslöste.

mm: Das liegt daran, dass die Aufsichtsbehörden nicht jede Position in der Bilanz einer Bank als gleichermaßen riskant einstufen. Das klingt doch nachvollziehbar.

Hellwig: Theoretisch ja, praktisch nein. Man stellt sich vor, dass die Banken allzu riskante Geschäfte meiden, wenn sie dazu mehr Eigenkapital brauchen. Aber die Banken wählen einfach Anlagen, bei denen das Risikogewicht nach den Baseler Regeln sehr klein ist und das tatsächliche Risiko - und die Risikoprämie, die sie im Markt bekommen - sehr groß. Dazu haben sie jede Menge Möglichkeiten. Sie dürfen ja auch ihre eigenen Modelle verwenden, um die Risikogewichte ihrer Aktiva zu bestimmen ...

mm: ... die Regeln lassen sich also manipulieren?

Hellwig: Sehr leicht. Hinzu kommt, dass viele Risiken völlig ausgeklammert werden. Staatsanleihen etwa werden als risikolos behandelt. Das ermöglichte es Instituten wie der Hypo Real Estate oder auch der französisch-belgischen Dexia, ihre Bilanzsumme auf das Fünfzig- bis Hundertfache ihres Eigenkapitals aufzublähen. Als dann der Schuldenschnitt bei griechischen Staatsanleihen kam, war Dexia pleite. Wenn das Eigenkapital so klein ist, genügt eben ein Verlust von 2 Prozent der Vermögenswerte, damit die Bank insolvent wird.

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