Donnerstag, 30. Juni 2016

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Erosion der EU und Debatte um Brexit Paradise lost für Exportchampion Deutschland

Erosion der EU: Paradise lost
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Andrew Timmings für manager magazin

Die politische Erosion der EU gefährdet den Wohlstand des Kontinents und das Geschäftsmodell des Exportchampions Deutschland. Denn Amerikaner und Asiaten lassen die Europäer zunehmend links liegen, wie die Analyse aus dem Januar-Heft von manager magazin zeigt.

Der Debattierklub der Eliteuniversität Oxford ist für streitlustige Geister so bedeutend wie der New Yorker Madison Square Garden für Rockstars. Ob Winston Churchill, Ronald Reagan, Albert Einstein, der Dalai Lama: Die 1823 gegründete Oxford Union hatte sie alle. Ende November schaute Nick Clegg (48) in der Nobelvariante der Speaker's Corner vorbei. Der Ex-Chef der britischen Liberaldemokraten ist zwar nach dem Wahldebakel seiner Partei im Mai aus der Regierung geflogen, auf der Insel aber weiterhin ein gefragter Gesprächspartner.

Vor allem in Sachen Europa-Politik. Vor 500 Studenten, die bei klirrender Kälte stundenlang für Tickets anstanden, lieferte er sich in den historischen Gemäuern eine Redeschlacht mit Nigel Farage (51), dem Chef der Anti-Europa-Partei UKIP.

Ungewohnt leidenschaftlich für einen Briten warb Clegg für den Verbleib in der EU, der das Land 1973 beigetreten war. "Lasst uns aus diesem wundervollen Kontinent ein friedfertiges und starkes Europa machen, mit dem Vereinigten Königreich in seinem Herzen!", schmetterte er dem akademischen Nachwuchs entgegen. Der spendete Cleggs beherztem Auftritt deutlich mehr Applaus als Farage, der einen britischen Austritt kaum erwarten kann.

So wie viele seiner Landsleute. Aktuellen Umfragen zufolge werden die Briten beim EU-Referendum 2016 mit "No" stimmen und damit das Ende der Europäischen Union (EU) einläuten, wie wir sie kennen. Zumal auch die sonst so EU- und stabilitätsbegeisterten Finnen per Volksabstimmung den Austritt aus dem Euro beschließen könnten ("Fixit").

Der Brexit wäre für Deutschland der Gau."

Daniel Stelter, Ökonom und Berater

Allzu überraschend käme das doppelte No-Votum nicht. Im Gegenteil: Es würde sich bestens in die allgemeine Endzeitstimmung einfügen, die Europa derzeit erfasst hat. "Ohne die Briten würde der EU die wichtigste Stimme des Freihandels und der Vernunft fehlen. Für Deutschland wäre der Brexit der Gau", glaubt Ökonom und Berater Daniel Stelter.

In der EU preschen Nationalisten vor - und Asien und USA schotten sich ab

Zumal der Zerfall des europäischen Binnenmarktes einhergeht mit weitreichenden tektonischen Verwerfungen bei den globalen Handelsströmen. Während an den Grenzen wieder die Schlagbäume runtergehen, Nationalisten die Macht an sich reißen und Kanzlerin Angela Merkel als Europas Übermutter und Zuchtmeisterin Schwächen zeigt, bilden Asiaten und Amerikaner fleißig regionale Handelsblöcke und schotten sich ab. Gegenwärtig werden wieder so viele Handelsbarrieren errichtet wie seit Jahren nicht mehr, die Welthandelsorganisation WTO scheint als globale Instanz ausgedient zu haben.

Hauptleidtragender dieser neuen Blockstruktur wird über kurz oder lang der Exportchampion Deutschland sein. Denn dessen Aktionsradius würde sich in einem solchen Gefüge wieder verstärkt auf Europa beschränken.

Nur was bringt es, der Stärkste zu sein in einem Käfig voller Narren?

Noch bildet die bundesdeutsche Realität einen merkwürdigen Kontrast zu den düsteren Aussichten. Deutschlands Rolle als Goliath inmitten ökonomischer Zwerge scheint unangefochten: Die Exporte liegen mit 1,2 Billionen Euro auf einem neuen Allzeithoch, die Beschäftigung erreicht Rekordniveau. Finanzminister Wolfgang Schäuble peilt für 2016 erneut einen schuldenfreien Bundeshaushalt an, trotz Flüchtlingskrise.

Zu verdanken sind diese Erfolge allerdings vor allem einem historisch einmaligen Mix aus Niedrigstzinsen, schwachem Euro und billigen Rohstoffen. Ewig wird das nicht so weitergehen. Und: Deutschland ist ausgerechnet mit jenem Handelsblock untrennbar verbunden, dem am wenigsten Dynamik innewohnt. "Für Europa sind die Jahre starken Wachstums erst einmal vorbei", sagt etwa Wolfgang Büchele, Chef des Gaseherstellers Linde Börsen-Chart zeigen.

Wie wichtig die Impulse aus Asien und Amerika auch früher schon für die deutsche Wirtschaft waren, ließ sich insbesondere nach dem Kollaps von Lehman Brothers beobachten. Die Finanz- und Schuldenkrise riss die europäischen Handelspartner in die Tiefe. Allein die deutsche Industrie konnte sich dank ihrer Ausfuhren ins boomende China binnen kürzester Zeit wieder erholen. Nun, da die Volksrepublik eine Metamorphose von der Investitions- zur Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft vollzieht, klingt der Absatzzauber spürbar ab.

Wie stark auch der Welthandel bereits abebbt, offenbart der Baltic-Dry-Index, der die Entwicklung der Charterraten auf den wichtigsten Seehandelsrouten spiegelt und als Frühindikator gilt. Er ist auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren gefallen. Selbst während der Asien-Krise 1998 oder nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende lag er höher.

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