Mittwoch, 21. November 2018

Bayer-Chef Werner Baumann So denkt Deutschlands derzeit mutigster Vorstandschef

Der neue Bayer-Chef Baumann: Werners Welt
Ingo Rappers für manager magazin

Zehn Jahre lang hat Werner Baumann für die Rolle als CEO trainiert. Seit Mai lenkt er Bayer. Wie gut sind seine Spielmacherqualitäten?

Das nachfolgende Porträt stammt aus der Mai-Ausgabe des manager magazins, das am 22. April erschien. mm-Abonnenten und -Käufer kannten Baumann also schon gut, als er rund vier Wochen später Bayers Milliardenangebot für Monsanto live schaltete. Inzwischen wimmelt es vor Baumann-Porträts, die sich zum Teil stark auf das mm-Porträt beziehen.

Die Geschichte von Werner Baumann und Bayer beginnt mit einem großen Missverständnis. Ende der 80er Jahre sucht der frisch diplomierte Kaufmann (Spezialgebiet: Steuern und Bilanzierung) seinen ersten festen Job, durchläuft die Assessment-Center etlicher Firmen und erlebt viele professionelle Bewerbungsgespräche. Mindestens eine Stelle hat er auch schon sicher, bei einem der großen Wirtschaftsprüfer.

Doch dann, Wochen nach allen anderen Unternehmen, meldet sich ein Mann vom großen, traditionsreichen Chemie- und Pharmakonzern aus Leverkusen, Abteilung Rechnungswesen und Bilanzierung. Ob der junge Herr Baumann am Montag nicht mal vorbeischauen möchte? Der kommt gern - und wundert sich nur. Bei der Führung durchs Haus lernt er einen Zigarre rauchenden Abteilungschef kennen und einen Buchhalter, der tatsächlich noch mit Ärmelschonern arbeitet. Man plaudert ein wenig, redet übers Gehalt, aber keiner möchte von ihm wissen, was er denn so kann und will.

Ein paar Tage später trifft sich Baumann dann noch mit seinem künftigen Gruppenleiter - zum Bier im Keller des werkseigenen Gastronomiebetriebs "Zum Löwen". Wenig später erhält er ein Angebot.

Baumann sagt den Wirtschaftsprüfern ab und fängt am 1. September 1988 als Controller in Leverkusen an. In dem beschaulichen Konzern, so glaubt er, lasse sich nebenbei bequem die Doktorarbeit fertigstellen, das wäre bei dem Wirtschaftsprüfer zu stressig geworden.

So kann man sich irren. Die Promotion wurde nie fertig, stattdessen stieg Werner Baumann immer weiter auf. Ab Mai wird er Bayer Börsen-Chart zeigen als CEO führen.

Fast drei Dekaden sind seither vergangen, in denen sich der Konzern radikal gewandelt hat. Vor allem unter der Ägide von Marijn Dekkers (58), dem ersten nicht an der Kaiser-Wilhelm-Allee sozialisierten Konzernchef, ändert sich der Auftritt des einst unscheinbaren Riesen. Der Niederländer mit amerikanischem Pass definiert den Chemiepark am Rhein kurzerhand um: zur Innovation- and Tech-Company. Den Claim "Science for a better Life" lässt er so dick auftragen, wie man dies bis dahin nur von Volkswagen Börsen-Chart zeigen ("Das Auto") oder BMW Börsen-Chart zeigen ("Freude am Fahren") kannte. Er bringt die Vertriebsmaschinerie derart auf Touren, dass sich die Wirkstoffe aus den Labors der Pharmaforscher tatsächlich zu Bestsellern entwickeln. Und katapultiert das Traditionsunternehmen damit in völlig neue Sphären.

Im Sommer 2014 war der Konzern an der Börse erstmals wertvoller als alle Dax-Dickschiffe. Inzwischen liefern sich der Softwarekonzern SAP Börsen-Chart zeigen und Bayer ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und für Bayer stellt sich die Frage, ob das Hoch unter Dekkers mehr war als eine höchst angenehme Zwischenphase.

Tatsächlich konnte Bayer - trotz milliardenschwerer Akquisitionen und einer Serie erfolgreicher Produkteinführungen - seine globale Marktposition gerade eben so halten. Ringsherum fusioniert und akquiriert die Konkurrenz in den beiden verbliebenen Kerngeschäftsfeldern Pharma und Agrarchemie (die Chemie ist abgespalten) aggressiver als je zuvor. "Die guten Jahre sind erst einmal vorbei", sagt ein hochrangiger ehemaliger Bayer-Manager, "in nächster Zeit ist harte Arbeit angesagt." Der Mann, der diesen Job erledigen soll, trägt die Haare kurz, die runden Brillengläser sind von einem Gestell in Anthrazitgrau eingefasst. Baumann ist weder groß noch klein, sein Blick ist offen, der Händedruck fest, der Tonfall rheinisch gefärbt. Die Anzuggröße signalisiert Disziplin. Er ist gut in Schuss für einen, der mit Sport nichts anfangen kann.

Mit 53 Jahren ist der Neue als CEO-Anfänger genau im richtigen Alter, er hat eine flinke Zunge, und das Wörtchen behäbig hat mit Baumann höchstens den Anfangsbuchstaben gemein. Und doch stellt sich die Frage: Zieht mit ihm, dem Langgedienten, wieder das alte Bayer im neuen Gewand ein? "Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen", sagt Baumann, "deswegen sollten Sie eine gewisse Kontinuität in der Veränderung erwarten - aber nichts Revolutionäres." Mit einer solchen Formulierung können sowohl Aktionäre als auch Betriebsräte gut leben. Baumann hat sich entschieden, seine Pläne im Ungefähren zu lassen.

In diesem Punkt ist er Werner Wenning (69) zum Verwechseln ähnlich. Acht Jahre lang hat der heutige Aufsichtsratschef das Unternehmen ruhig, aber mit entschiedener Hand geführt. Hat es aus der Schockstarre gelöst, in die es nach dem Skandal um den Cholesterinsenker Lipobay verfallen war, und es anschließend wieder aufgebaut.

Baumann ist Wennings Entdeckung. Als der Mitte der 90er Jahre Geschäftsführer in Spanien war, machte er den jungen Controller zu seinem Assistenten und brachte ihn anschließend bei der Diagnostiktochter in den USA unter.

Später schickte er ihn stets dorthin, wo für den Konzern gerade besonders viel auf dem Spiel stand: Baumann durfte sich als Wiederaufbauhelfer in der Health-Care-Sparte bewähren, als Integrationsbeauftragter nach der gewonnenen Übernahmeschlacht um den Berliner Konkurrenten Schering Börsen-Chart zeigen, er orchestrierte als Chief Operating Officer die Abspaltung und Auslagerung des Chemiegeschäfts an die Börse und war zuletzt verantwortlich für die Neukonstruktion der Konzernorganisation.

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