Samstag, 18. November 2017

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Die Zukunft der Weltwirtschaft Klammergriff der Staatsschulden: Willkommen in der Eiszeit

Staatsschulden: Die neue Eiszeit in der Weltwirtschaft
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DPA

Die Schuldenexzesse haben die Weltwirtschaft ausgelaugt. Die Quittung: eine säkulare Stagnation. Ohne Inflation kommen wir da nicht raus.

Die Zinsen liegen auf Jahrhunderttief, die Bilanzen der Notenbanken sind so aufgebläht wie noch nie. Acht Jahre ist die Finanzkrise nun schon her, doch die Wirtschaftspolitik bleibt so expansiv wie in der tiefsten Rezession. Stellt die US-Notenbank Fed mit einer Mini-Zinserhöhung eine Umkehr dieses Trends in Aussicht, sorgt das bereits für Panik. Aus Davos appelliert kein Geringerer als Hedgefondslegende Ray Dalio an Notenbanken und Regierungen, noch länger noch mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Nur so ließe sich eine neue Depression verhindern.

Daniel Stelter
Man könnte Dalios Warnungen leicht als Versuch abtun, die Geldpolitik zum eigenen Nutzen zu beeinflussen. Wenn er keine so gute Begründung dafür hätte: das Ende des 50-jährigen Schulden-Superzyklus. Weltweit haben die Schulden ein historisch einmaliges und immer untragbareres Niveau erreicht. Die Folge sind geringe Nachfrage, Überkapazitäten, schwaches Wachstum und deflationäre Tendenzen. Der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers bezeichnet dies als säkulare Stagnation, ich nenne es Eiszeit.

Der Ruf nach noch mehr billigem Geld, Negativzinsen, damit einhergehenden Bargeldverboten und direkter Finanzierung von Staaten durch die Notenbanken beweist, dass wir inmitten einer Zeitenwende stecken. Jahrzehntelang haben wir über unsere Verhältnisse gelebt. Jedes kleine Konjunkturproblem, jede Turbulenz an den Finanzmärkten wurde mit tieferen Zinsen und höheren Schulden bekämpft. Dabei erfordern tiefe Zinsen heute noch tiefere Zinsen morgen, um das Schuldengebäude vor dem Einsturz zu bewahren. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht die Notenbanken in einer Abwärtsspirale gefangen.

Unser Finanzsystem kann praktisch unbegrenzt neue Schulden und damit neues Geld schöpfen. Bereitwillig haben wir davon Gebrauch gemacht, jedoch nicht um zu investieren. Bis zu 90 Prozent der neu vergebenen Kredite dienten keinem produktiven Zweck. Stattdessen wurde konsumiert und spekuliert. Mit immer mehr "Leverage" haben wir uns gegenseitig vorhandene Assets wie Aktien, Anleihen, Immobilien und Kunst zu immer höheren Preisen verkauft. Hier liegt die eigentliche Ursache für den Zuwachs an Vermögen und Ungleichheit.

Nach dem Fast-Kollaps des Systems im Jahr 2009 gelang es, die Schuldenmaschinerie ein weiteres Mal anzuwerfen. Fast überall liegt die Verschuldung von Staaten und Privaten deutlich höher als zu Krisenbeginn. China allein hat seit 2007 21 Billionen US-Dollar hinzugefügt und liegt mit einer Schuldenlast von über 200 Prozent des BIP inzwischen auf dem Niveau der Industrieländer. Rund sechs Billionen US-Dollar sollen dabei in Geisterstädte und Überkapazitäten geflossen sein.

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