Dienstag, 25. September 2018

Wie Topsommeliers über Winzerschicksale entscheiden Die wahren Herrscher der Weinwelt

6. Teil: Keine Flasche der Welt ist 500 Euro wert

Und die Rieslinge von Jochen Dreissigacker hätten es ohne die richtigen Kontakte zur richtigen Zeit kaum ins "Adlon", Alsterhaus, KaDeWe, ins "Grill Royal", "Tantris" oder "Zenzakan" geschafft. "Sommeliers sind extrem wichtig", sagt der deutsche Starwinzer und Lieblingsweinproduzent von Sternekoch Tim Raue. "Du brauchst einen Botschafter für deine Weine."

Vor zehn Jahren war Dreissigacker (34) ein No-Name-Erzeuger; bis er dann 2005 auf der ProWein, der wichtigsten Messe Europas, den damaligen Sommelier des Potsdamer Großhandels Löffelsend & Wein Compagny kennenlernte, der ihm einen Kontakt zum "Adlon" herstellte. Danach orderte das Luxushotel tausendfach. Und Sommelière Lidwina Weh nahm die Weine mit nach Dubai, als sie zur Nobelkette Jumeirah wechselte. Heute stehen sie auch im "Burj al Arab" auf der Karte.

Selbst getrunken", "war lecker", "schon aus" - Willy Schlögl, gerade mal 29, Hipsterbrille, schwarzes T-Shirt, Bart, "Blaufränkisch" auf den Arm tätowiert, legt einem in der "Cordobar" in Berlin erst mal eine telefonbuchdicke Weinkarte vor, in der hinter viele Weine gestempelt ist, was Sache ist. So erschlagend, dass man sich lieber was empfehlen lässt: Moric-Weine von Roland Velich, Winzersohn aus dem Burgenland. Der war einst Croupier, hat Politik, Philosophie studiert und macht nun Rotweine zum Niederknien, behaupten Parker, das "Noma" - und eben Willi Schlögl.

Spitzenlagen aus Zahnputzbechern

Blaufränkisch ist seine Lieblingssorte, kein Schmeichler, die muss man sich erarbeiten, sagt er. Schlögl war "Sommelier des Jahres 2014" beim "Rolling Pin". Sein Vater habe ihm gesagt: "Kellner, das geht nicht lange gut, du musst dich spezialisieren." Während die anderen in der Berufsschule Whisky-Cola tranken, hat er mit ein paar Freunden aus Zahnputzbechern Spitzenlagen probiert. Das haben dann die Lehrer gemerkt und gesagt: "Das fördern wir." Über Wien kam Schlögl aus der Steiermark nach Berlin. Wurde Sommelier im "Le Petit Felix" im "Adlon".

Jetzt führt er die Bar, von der alle reden, benannt nach dem Ort, an dem Österreich seinen einzigen WM-Sieg gegen Deutschland schaffte. Gegründet hat er die "Cordobar" 2013 zusammen mit Regisseur Jan-Ole Gerster ("Oh Boy"), Musiklabelchef Christof Ellinghaus und Ex-"Adlon"-Maître Gerhard Retter. Wechsel von piekfein auf Rebel yell! Kann eigentlich jeder Wein? "Man muss schon viel probieren", sagt Schlögl. "Nur Volkshochschule hilft nicht weiter." Aber bitte nicht um jeden Preis, warnt Händler Martin Kössler. "Unter fünf Euro" sagt der, "empfehle ich guten Gewissens ein Bier, ab fünf Euro beginnt, was ich Wein nenne".

Zwischen 8 und 35 Euro liege Wahrheit, bis 100 reiche die Sehnsucht. "Und danach wird's albern." Keine Flasche der Welt sei 500 Euro wert. "Man kann Trauben nicht mehr als pinseln, kraulen." Ist also der ganze Wirbel um ein bisschen vergorenen Rebensaft am Ende nicht totaler Unsinn? "Natürlich ist Wein nur ein Getränk", sagt Silvio Nitzsche (35), der Sommelier beim Dreisternekoch Dieter Müller war und 2007 in Dresden die "Wein. Kultur. Bar." aufgemacht hat (übrigens ausgebucht bis Mitte 2017). "Die Bibel ist ja auch nur ein Buch, oder?"

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