Donnerstag, 24. Mai 2018

Reich reicht nicht Diese Menschen brauchen zum Glück einen Haufen Arbeit

Roland Berger, unermüdlich.

Auscashen und sich zur Ruhe setzen ist out. Junge Gründer, gestandene Entrepreneure, graue Eminenzen der Deutschland AG - niemand will aufhören. Ausgesorgt? Egal. Arbeiten ist das neue Cool.

Die folgende Geschichte erschien in leicht anderer Version zuerst in der April-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende März erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Niki Lauda reicht es eigentlich für heute. Aber egal: Er muss noch mal schnell nach Hamburg, mit der Lufthansa verhandeln. Am General Aviation Terminal für Privatflieger gibt er dem österreichischen Fernsehen im Vorbeigehen ein Interview und spult routiniert seine Argumente runter, dann marschiert er zu seiner Bombardier Global aufs Rollfeld. Er hat seinen Anwalt Haig Asenbauer dabei und die beiden Manager, die für ihn die Airline Niki führen sollen - falls er sie bekommt.

Lauda steigt ins Cockpit, wie immer fliegt er selbst, die anderen lassen sich hinten in die weichen grauen Ledersessel fallen. Der Anwalt verteilt ein Papier, er hat mal skizziert, wie das Angebot aussehen könnte, das bis Ende der Woche eingehen muss. Dazu gibt's Salamibrote und Kaffee. Gefühlt, sagt Asenbauer in die Stille, müssen wir den Mitarbeitern noch irgendwas anbieten.

Tage später läuft über die Nachrichtenticker: "Jobangebot für alle Niki-Mitarbeiter". Ein schlauer Schachzug: Die Leute braucht Lauda sowieso, der Markt für Piloten und Flugbegleiter ist leer gefegt.

Es ist Dienstag, der 16. Januar. Am Freitag davor hatte das Gericht in Korneuburg bei Wien das Insolvenzverfahren für Niki eröffnet. Es ist das dritte Bieterverfahren für die Fluglinie, die zur Konkursmasse von Air Berlin gehört. Erst bekam die Lufthansa den Zuschlag (was am Kartellrecht scheiterte), dann die spanische Vueling, dann entschied das Berliner Landgericht, das Verfahren gehöre nach Österreich, wo Niki ihren Sitz hat.

Damit war "das Match", wie Lauda es nennt, wieder offen. Er hat von Anfang an mitgeboten für die von ihm 2003 gegründete Niki, aber die Insolvenzverwalter, so sein Eindruck, wollten ihn nicht.

Alle sind gegen ihn. Der Betriebsrat mache "Terror", heißt es, die Niki könnte längst wieder fliegen, wenn "ein gewisser NL aus dem 19. Bezirk" nicht dazwischenfunkte. Mittags wollte er in der Niki-Zentrale in die Bücher gucken. Die Geschäftsführung ließ ihn abblitzen und verwies auf den Datenraum. "Je mehr Gegenwind ich krieg, desto mehr fahr ich hoch", sagt Lauda. So sei das immer schon gewesen, er habe jetzt nicht erst "im hohen Alter 'nen Vogel gekriegt".

Niki Lauda ist 69. Er war dreimal Formel-1-Weltmeister, ist in seinem Ferrari 312T2 fast verbrannt und sechs Wochen später wieder gefahren. Der Mann ist ein Kämpfer, auch im Business. Seine erste Fluglinie Lauda Air hat 1991 über Thailand eine Maschine verloren, 223 Tote. Er hat das durchgestanden und die Firma zehn Jahre später gut verkauft. Genauso wie danach seine Niki an Air Berlin. Er ist steinreich und hat eine schöne zweite Frau.

Er könnte es sich also auf seiner Finca auf Ibiza gut gehen lassen. Tut er aber nicht. Lieber streitet er sich mit "einem Herrn Flöther" und "einem Herrn Kebekus" (den Insolvenzverwaltern) herum, lässt sich von "einem Herrn Lackmann" (der frühere Niki-Chef hat sich zu Tuifly gerettet) vor die Tür setzen und von einem Betriebsrat anstänkern.

Was soll er in der Sonne Ibizas? "Das Ärgste ist für mich, wenn es langweilig wird", sagt Lauda. Er habe die Freiheit, zu entscheiden, was er tun will. Und die nutzt er: "Für jeden Wahnsinn, der mir einfällt."

Montag, der 22. Januar. 15 Stunden verhandelt der Gläubigerausschuss mit den Bietern, morgens um fünf Uhr ist klar: Die Niki geht an Lauda. 47 Millionen Euro zahlt er, sein eigenes Geld, das ging schneller, als einen Partner mit an Bord zu holen. Und Tempo kann er ja.

Arbeiten ist das neue Cool. Niki Lauda kauft seine alte Fluglinie zurück, Roland Berger (80) übernimmt den kriselnden Küchenhersteller Alno, Luciano Benetton (82) tritt noch einmal an, um den familieneigenen Textilkonzern zu sanieren. Die Läden sähen mittlerweile aus wie im "kommunistischen Polen", so der Patriarch, das müsse alles weg.

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