Mittwoch, 25. Mai 2016

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Auslandsinvestitionen Indien avanciert zum Konzern-Albtraumland

Unternehmen in Indien: Zwischen Korruption und Rechtsunsicherheit
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Florian Renner für manager magazin

Internationale Unternehmen leiden auf dem Subkontinent zunehmend unter Rechtsunsicherheit, Behördenwillkür, Korruption und gerissenen Geschäftspartnern. Ein Report über Unternehmen in den Fängen arglistiger Geschäftspartner.

Hamburg - Warum Matthias Müller seit vergangenem November per Haftbefehl in Indien gesucht wird, weiß er bis heute nicht. Von Betrug, Erpressung und Untreue ist die Rede, doch der Porsche-Chef und fünf seiner Vorstandskollegen haben keine Ahnung, welche konkreten Vergehen ihnen zur Last gelegt werden.

Fest steht nur: Gehen die Deutschen den indischen Rechtshütern ins Netz - und das könnte schon bei einer Zwischenlandung in Delhi oder Mumbai passieren -, werden sie festgesetzt. Je nachdem, ob die zuständige Justizperson gerade verfügbar ist oder nicht, und abhängig davon, wie lange sich die Befragungen hinziehen, kann das schon mal eine Nacht auf der Pritsche bedeuten. Keine angenehme Vorstellung in einem Land, in dem die Polizei mit Verhafteten nicht gerade zimperlich umgeht und die Gefängnisse oftmals überfüllt und unhygienisch sind.

Die sogenannten Warrants of Arrest, die gegen die Porsche-Vorstände vorliegen, sind streng genommen nur eine Vorladung zum Verhör. Die allerdings kann ein Kläger leicht erwirken: Oftmals genügt schon ein Bündel Geldscheine, und schon fertigt die Behörde die Dokumente aus, ordentlich mit Stempel und Unterschrift versehen.

In Indien gelten die Warrants als probates Mittel im Umgang mit unliebsamen Gegnern. Und genau in diese Falle ist offenkundig auch der Zuffenhausener Sportwagenhersteller geraten: Porsche Börsen-Chart zeigen hatte 2011 den Vertrag mit seinem indischen Importeur Ashish Chordia gekündigt. Chordia erhob Einspruch, unterlag aber vor dem Zivilgericht. Dann erstattete er Strafanzeige.

Die Haftbefehle, die auf dieser Anzeige gründen, betreffen nicht nur den Vorstand, sondern auch drei weitere Porsche-Manager. Sie sollen über eine neue Verkaufsorganisation den Absatz in Indien steigern. Ein schwieriges Unterfangen, wenn sie den Subkontinent de facto nicht bereisen können.

Porsche - ein besonders dreister Einzelfall? Mitnichten. Zunehmend geraten in Indien ausländische Firmen in die Fänge arglistiger Geschäftspartner, willfähriger Bürokraten und unberechenbarer Parlamentarier. Willkür regiert allerorten: Die Behörden vergeben Zwangslizenzen für patentgeschützte Medikamente. Quasi über Nacht erkennen sie ersteigerte Mobilfunklizenzen wieder ab. Joint Ventures werden von der indischen Seite ausgenommen und Tochtergesellschaften global agierender Konzerne von ihren örtlichen Direktoren geplündert.

Wie groß war doch die Euphorie in der ersten Hälfte der 2000er Jahre: Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen reihte das Riesenreich ein in die Riege der BRIC-Staaten, die auf absehbare Zeit die Industrienationen überrunden sollten. Investoren strömten in Scharen nach Indien, die Risiken indes unterschätzten viele.

Mittlerweile ist Ernüchterung eingetreten. Ein riesiger Reformstau hat dazu geführt, dass die Wirtschaft nur noch halb so schnell wächst wie in den Boom-Jahren. In einer Umfrage der Deutsch-Indischen Handelskammer räumen die meisten Expatriates ein, dass die Geschäfte schwieriger werden. Sie beklagen eine "zunehmende Zahl kontroverser regulatorischer Entscheidungen", sie leiden unter der um sich greifenden Korruption, und sie sind besorgt über die "umfangreichen Betrugsfälle" der jüngeren Zeit.

Albtraum Indien. Lohnt es sich überhaupt noch, in dem Land zu investieren? Gibt es Möglichkeiten, sich vor unlauteren Praktiken zu schützen?

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