Mittwoch, 15. August 2018

Grundehrliches Gründen Die falsche Romantik von den Start-up-Helden

Die Gründer von Airbnb (vlnr): Joe Gebbia, Nathan Blecharczyk, Brian Chesky.

Gründen wird geradezu romantisiert. Dabei ist der Weg, wie Unicorns tatsächlich zu Geld und Erfolg kamen, zumeist sehr quälend. Willkommen in der Realität!

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 12/2016 des manager magazins, die Ende November erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Nach seinem dritten Start-up geht es für Jeff Lawson so nicht weiter. Noch ist er unter 30, er will seiner unglücklich verlaufenden Gründerkarriere jetzt noch einmal einen richtigen Kick geben. Es muss sich etwas ändern, dreimal hat er ein Unternehmen gestartet, keines davon ist groß geworden, eines gar krachend gescheitert. 2004 bewirbt sich der Programmierer bei Amazon Börsen-Chart zeigen und Google Börsen-Chart zeigen. Er bewundert Jeff Bezos und die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, hält deren Unternehmen für gut geführt. Amazon meldet sich, aus dem hoffnungsvollen Gründer Jeff Lawson wird der Angestellte Jeff Lawson.

Im Herbst dieses Jahres läuft der heute 39-Jährige energiegeladen über eine Bühne in London, als Co-Gründer und Chef eines mittlerweile börsennotierten Unicorns. Lawson hat Hunderte Kunden zur hauseigenen Entwicklerkonferenz Signal in die historische Tagungsstätte "The Brewery" geladen. Seine neue Firma heißt Twilio. Uber und andere wickeln über deren Cloud-Software ihre komplette Kommunikation innerhalb der App ab. Nachrichten zwischen Kunden, Fahrern und Unternehmen - wird alles von Twilio verarbeitet.

Wer den untersetzten Mann über die Bühne wuseln sieht, miterlebt, wie er vor seinen Zuhörern eine kleine Programmiereinlage einstreut, locker mit Geschäftspartnern plaudert und dabei ausschaut, als sei nichts leichter, als Gründer zu sein, der ahnt nicht, wie schwer für ihn der Weg ins Scheinwerferlicht des altehrwürdigen Gemäuers hier in London war.

Lawson hat sich durchgeboxt. Und ist einer der wenigen, die darüber auch reden. In der Start-up-Welt wird gern die Mär verbreitet, Gründen sei ganz easy. Insbesondere die US-Boys sind gut im Erfinden von Mythen. Man habe die Idee abends bei einem Gelage auf eine Serviette gekritzelt, die Investoren waren begeistert, und jetzt sind wir eine Milliarde Dollar wert. Crazy!

So wird es gern erzählt - zumeist ist das Gegenteil wahr. Selbst die, die eine großartige Idee haben und jede Menge Unternehmertalent, scheitern oft mehrfach. Oder denken sich geradezu abstruse Überlebensstrategien aus. Die gefeierten Airbnb-Gründer etwa (Firmenwert: 30 Milliarden Dollar) kamen nur so weit, weil sie zwischenzeitlich Müsli verkauften.

Milliardenbewertungen hin oder her, ob Twilio, das Bettenportal Airbnb oder die auf Businesskunden ausgerichtete Instant-Messaging-Plattform Slack - bei allen dreien balancierten die Gründer mehr als einmal am Rand des Abgrunds.

Die meisten Entrepreneure fallen ohnehin über die Klippe. Der renommierte Accelerator Y Combinator hat in diesem Jahr 30.000 Bewerbungen erhalten und lediglich 240 davon angenommen. Die Auserwählten dürfen am dreimonatigen Boot Camp teilnehmen, erhalten je 120.000 Dollar für 7 Prozent der Anteile - und haben so die Chance, von den Silicon-Valley-Investoren wahrgenommen zu werden.

Doch selbst wer es geschafft hat, das erste Investment einzusammeln, für den ist der Zugang zur zweiten, dritten, vierten, fünften oder gar sechsten Finanzierungsrunde nicht ausgemacht. Nur 40 Prozent der Start-ups, die zwischen 2009 und 2010 eine erste Geldspritze erhielten, bekamen nach Angaben des Marktforschers CB Insights im Anschluss erneut Kapital.

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