Sonntag, 19. November 2017

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Tödlicher Unfall in VW-Werk Werksroboter tötet Arbeiter - Debatte um Automatisierung geht weiter

Bislang war das Volkswagen-Werk im Baunatal nur einigen Branchenexperten bekannt. Direkt an das Fabrikgelände nahe Kassel grenzen Äcker, die Fulda mäandert in nicht einmal hundert Meter Entfernung vorbei. Zwei Orte mit den beschaulichen Namen Rengershausen und Guntershausen sind vom Werk problemlos zu Fuß erreichbar, jenseits der Fulda erstreckt sich der Söhrewald samt dem Naturschutzgebiet Heubruchwiesen. Idyllischer lässt sich eine Fabrik kaum in Deutschland ansiedeln.

Rund 15.500 Mitarbeiter stellen im Baunatal Getriebe und E-Motoren für Volkswagen her. Dass die Fabrik einmal in die weltweiten Schlagzeilen gerät, schien eher unwahrscheinlich - bis gestern. Denn am Montag passierte in dem Werk ein tragischer Unfall: Ein junger Mitarbeiter ist in dem Werk von einem Roboter getötet worden.

Wie Volkwagen bekanntgab, war der verunglückte Mitarbeiter einer Fremdfirma 22 Jahre alt. Er war mit dem Einrichten des Roboters für eine neue Produktionslinie der Elektromotoren-Fertigung beschäftigt, als ihn der Roboter erfasste und gegen eine Metallplatte drückte. Der junge Mann erlitt schwere Quetschungen im Brustbereich. Trotz anfänglich erfolgreicher Wiederbelebungsmaßnahmen starb er später im Krankenhaus.

Es ist ein tragischer Unglücksfall, der zudem noch einige Brisanz birgt. Denn viele Menschen ist die zunehmende Automatisierung in Fabriken nicht geheuer. Sie fürchten, dass die neue Generation von Kollege Roboter bald fast alle Aufgaben am Fließband ausführen kann und viele Angestellte in der Produktion ihren Job kostet. Nun hat ein Roboter auch noch einem Menschen tödliche Verletzungen zugefügt - so etwas schürt Ängste vor einer Herrschaft der Maschinen.

Weltweites Echo auf den Unglücksfall - Roboter war im Sicherheitskäfig

Kein Wunder also, dass der Fall auf der ganzen Welt für Aufsehen sorgt. Das amerikanische Time Magazine berichtet auf seiner Website ebenso über das Unglück wie die US-Fernsehsender ABC News und CNN, auch kanadische und australischen Medien ist der Todesfall eine Meldung wert. Selbst die englische Wirtschaftszeitung Financial Times (FT) berichtet darüber - und spricht auch die Ängste an, die sich mit der Schlagzeile "Roboter killt Menschen" so trefflich schüren lassen.

Dabei meinen Experten laut FT , dass der Todesfall in der Fabrik mehr Gemeinsamkeiten habe mit den üblichen Arbeitsunfällen, die in der Industrieproduktion seit Jahren vorkommen können - als mit den neuartigen Fabrikrobotern, die Automobilhersteller im großen Stil für ihre Werke kaufen. Die neue Generation der Industrieroboter kommt nämlich nicht mehr in abgegrenzten Bereichen zum Einsatz, sondern Arbeitet Seite an Seite mit menschlichen Arbeitern. Für diese kollaborativen Roboter legt die Branche Standards fest, wie viele Unfälle pro Tag erlaubt sind.

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Das Unglück bei VW passierte allerdings mit einer älteren Generation von Robotern, die in Sicherheitskäfigen eingeschlossen sind. Der getötete Arbeiter stand innerhalb des Käfigs, als der Unfall passierte.

Ein zweiter Mitarbeiter, der sich außerhalb des Sicherheitskäfigs befand, wurde nicht verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun, wie der Unfall passiert ist und wer dafür verantwortlich ist - ein Standardverfahren nach einem nicht-natürlichen Tod.

Fabriksarbeiter leben in den USA sicherer als Bartender

Und die FT legt nun in Zahlen dar, dass die Verletzungsrisiken durch Roboter - egal welcher Bauart - in den vergangenen Jahren gesunken sind. Und das, obwohl der Grad der Automatisierung stieg. Im Jahr 2013 gab es in den USA 2,1 tödliche Verletzungen je 100.000 Vollzeit-Angestellten in der Produktion, im Jahr 2006 waren es laut FT noch 2,7 tödliche Fälle. Damit ist es in den USA achtmal gefährlicher, in einer Bar als am Fließband zu arbeiten. Denn das US-Gastgewerbe kam zuletzt auf 16,4 Todesfälle je 100.000 Angestellte.

Die neue Art von Robotern könne nicht nur so gebaut werden, dass ihre Geschwindigkeit und Kraft alleine schon durch ihre Bauweise eingeschränkt sei. Die kollaborativen Roboter verfügen auch über Sensoren, die menschliche Bewegungen entdecken und bei zu starker Nähe die Roboterarme stoppen können.

VW hat im vergangenen Jahr angekündigt, in seinen Fabriken mehr Roboter einzusetzen - um so dem Mangel an jungen Arbeitern in den Werkshallen entgegenzuwirken und ältere Mitarbeiter bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten zu entlasten.

Volkswagen erklärte schon damals, dass die Roboter neuen Typs vor allem monotone Aufgaben übernehmen sollten, während menschliche Arbeiter sich auf qualifiziertere Tätigkeiten konzentrieren sollten. Es war ein Versuch, einer Arbeiter-Urangst etwas Wind aus den Segeln zu nehmen. In den kommenden Wochen werden VWs PR-Leute wohl einiges zu tun haben. Denn jetzt müssen sie ihren Arbeitern erklären, wie sie solche Unfälle künftig komplett verhindern wollen - und weshalb das mit der neuen Generation an Robotern nicht passieren kann. Nach sommerlicher Werksruhe klingt das nicht.

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