Montag, 17. Dezember 2018

Luxusuhrenclans Der Familientick

Uhrenclans: Der Familientick
Fred Merz für manager magazin

Ganze drei unabhängige Manufakturen gibt es noch in Genf: Patek Philippe, Chopard und Frédérique Constant. Was macht die Marken so besonders?

Hamburg - "Superb", haucht der eine, "magnifique" flüstert der andere. Als hätten sie einer neuen Maria Callas gelauscht, horchen Paul Buclin und Daniel Jaquet dem überirdischen Glockenklang der Referenz 5207 nach. Der eine, weißer Bart, weißer Haarkranz, wird mitunter als weltbester Uhrmacher gehandelt, der andere, grauhaarig und eigentlich schon im Ruhestand, hat viele Jahre die Produktion des Hauses geleitet.

Gegenstand ihres Entzückens ist eine Minutenrepetition mit Tourbillon und Ewigem Kalender, eine Preziose der Haute Horlogerie, die sie dem Gast vorführen, eine Platin-Armbanduhr, die für 668.180 Euro gehandelt wird. Und weil es so schön war, setzt Buclin den Mechanismus gleich noch einmal in Bewegung.

Wir befinden uns im Empfangsraum der Abteilung Grandes Complications, dem Allerheiligsten von Patek Philippe, unbestrittener Gralshüter der höchsten Uhrmacherkunst. Das Unternehmen (rund eine Milliarde Euro Umsatz) gehört zur sehr eigenen Gilde der verbliebenen drei unabhängigen Genfer Manufakturen in Familienhand.

Gegründet wurde Patek vor exakt 175 Jahren von dem polnischen Immigranten Patek und einem Tschechen, dem später der Franzose Philippe folgte. Seit 1932 ist das Unternehmen im Besitz der Nachfahren der Zifferblatthersteller Charles und Jean Stern. Thierry Stern (43), der heutige Chef, entstammt der vierten Generation, Vater Philippe (75) steht ihm nach wie vor beratend zur Seite. Der traditionsbewusste Uhrenclan hat Großes geschaffen: Sein Familienbesitz wird auf zwei bis drei Milliarden Schweizer Franken geschätzt.

Askese und Protestantismus begründeten die Luxusindustrie

Die beiden anderen Genfer Hersteller, die ihre Unabhängigkeit wahren konnten, sind: Chopard (rund 850 Millionen Schweizer Franken Umsatz), 1860 von Louis-Ulysse Chopard gegründet, seit 1963 im Besitz der Pforzheimer Familie Scheufele, geführt von den Geschwistern Caroline und Karl-Friedrich Scheufele (56).

Und Frédérique Constant (rund 270 Millionen Euro Umsatz), der Newcomer in der Szene. Die Marke wurde 1988 in Hongkong gegründet, von zwei jungen Holländern, dem Ehepaar Aletta und Peter Stas (50). Beide waren die starren Konzernstrukturen ihrer Arbeitgeber leid und schufen mit erstaunlicher Konsequenz ein eigenes Profil - ein schnell sprießendes Gewächs auf dem idealen Substrat der Metropole Genf.

Das mondäne Uhrmacherzentrum am Fuß der Alpen, heute ein Dorado des Luxus und der Moden rings um die Rue du Rhône, verdankt seinen Aufstieg dem genauen Gegenteil des lasziven Lebens, das man gemeinhin mit Luxus verbindet. Die Urheber waren protestantischer Gewerbefleiß der aus Frankreich geflohenen Hugenotten und die asketische Gesinnung eines Jean Calvin. Der strenge Reformator, jeder Zurschaustellung von Reichtum abgeneigt, verbot das Tragen von Schmuck. Und so blieb den traditionsreichen Goldschmieden der Stadt nichts, als auf die Herstellung zweckdienlicher Zeitmesser umzuschwenken.

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