Montag, 22. Oktober 2018

Tom Segert aus Berlin Der deutsche Billigflieger im All

Business Rebel, Tom Segert von Berlin Space Technologies
Ole Schleef für manager magazin
Business Rebel, Tom Segert von Berlin Space Technologies

Tom Segert mischt mit seiner Firma Berlin Space Technologies den Satellitenmarkt auf.

Die folgende Geschichte stammt aus der Februar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Januar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Wie man mit einfachen Mitteln weltalltaugliche Apparate baut, das haben Tom Segert (38) und seine Geschäftspartner an der TU Berlin gelernt. Die Satelliten, die dort am Institut für Luft- und Raumfahrt entworfen und montiert werden, arbeiten zum Teil noch nach Jahren in der Umlaufbahn.

Im Jahr 2010 gründete Segert zusammen mit zwei Studienkollegen die Berlin Space Technologies (BST). Das Unternehmen mit 24 Mitarbeitern hat sich in einer besonders anspruchsvollen Hightechbranche etabliert: Kosmisches Gerät muss im eisigen, strahlungsbelasteten Fastvakuum des Weltalls dauerhaft funktionieren. Denn im Orbit lässt sich nichts reparieren.

Umso kühner der Ansatz der BST: Ihre Erdbeobachtungssatelliten kosten nur rund ein Zehntel dessen, was etablierte Wettbewerber wie Airbus Börsen-Chart zeigen oder die Bremer OHB-Gruppe aufrufen. Je nach Ausstattung verlangt BST zwischen zwei und fünf Millionen Euro. Die Firma will damit trotzdem Geld verdienen, weil sie keine teuren, eigens für den Weltalleinsatz entwickelten Einzelteile verbaut, sondern Massenware für den irdischen Gebrauch. Wie etwa die Optik für die Eigennavigation des Satelliten im Orbit: Mit einem Weltraumprüfsiegel kosten Linse, Sensor und Chip im Einkauf 650 Euro. Simple Systeme für Industrieroboter, die sich leicht umprogrammieren lassen, gibt's in China für nur 20 Euro.

Ein BST-Satellit bringt rund 80 Prozent der Leistung eines nach Raumfahrtstandards gebauten Modells. Für die meisten Kunden, sagt Segert, reiche das absolut aus.

Das erste fertige Erdbeobachtungssystem von BST, rund 80 Kilo schwer und im Format eines großen Mikrowellengeräts, arbeitet seit gut zwei Jahren 550 Kilometer über dem Äquator. Die National University of Singapore überwacht damit Meerwassertemperatur oder Trockenheit in Waldgebieten. Ein zweiter Satellit wartet auf seinen Transport ins All durch eine Rakete der indischen Raumfahrtagentur, zwei weitere Systeme sind im Bau.

Den Durchbruch erhofft sich BST, wenn Erdtrabanten in Serie gebaut werden und das Start-up neben Beobachtungs- auch Kommunikationssatelliten fertigt. Dann nämlich zahlen sich die Einkaufsvorteile voll aus, auf die Segert setzt.

Die Prognosen stehen gut: Fürs nächste Jahrzehnt erwartet er jährlich Aufträge für 3000 künstliche Erdtrabanten. Dank ihrer Erfahrung zähle die BST zu jener Handvoll Firmen weltweit, die den Markt bedienen können. Skaleneffekte sollen die Preise dann auf maximal 250.000 Euro senken.

Demnächst will die BST, die ganz ohne Wagniskapital und Kredite auf zwei Millionen Euro Umsatz angewachsen ist, ein Joint Venture mit einer Raumfahrttochter der indischen Hetero Group starten. Das langfristige Ziel: 1000 Satelliten pro Jahr.

Schon gibt es Übernahmeangebote, etwa von der Bremer OHB. Doch der Preis ist Segert "viel zu niedrig". Einem BST-Konkurrenten waren in den USA eine Viertelmilliarde Dollar offeriert worden. So viel hatte Deutschlands einziger börsennotierter Raumfahrtkonzern nicht flüssig.

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