Sonntag, 18. November 2018

Chef des weltgrößten Fondsanbieters über Indexfonds, Kosten und Verantwortung "Wollen Sie mich für Facebook verantwortlich machen?"

Investment-Aldi: Vanguards Mission sieht Tim Buckley darin, die Fondsgebühren auf "nahe null" zu senken
ddp images/CAMERA PRESS/Tom Stockill
Investment-Aldi: Vanguards Mission sieht Tim Buckley darin, die Fondsgebühren auf "nahe null" zu senken

Vanguard-CEO Tim Buckley erklärt, warum der größte Fondsanbieter der Welt bei seinen Beteiligungen nicht so genau hinguckt.

Die folgende Geschichte stammt aus der August-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Vanguard ist der weltgrößte Anbieter von Fonds für Privatanleger, er hat vor allem günstige Indexinvestments im Sortiment. Ende Juni eröffnete der US-Gigant das erste deutsche Büro. Er besitzt schon jetzt durchschnittlich 2,6 Prozent am Dax 30. Das macht CEO Tim Buckley zu einem der mächtigsten Aktionäre Deutschlands.


Herr Buckley, Sie zählen bei allen 30 Dax-Unternehmen zu den größten Investoren. Wann besucht Vanguard endlich mal eine deutsche Hauptversammlung?

Tim Buckley: Das ist nicht so relevant. Wir tauschen uns mit 900 bis 1000 Firmen pro Jahr aus, nicht bei Aktionärstreffen, sondern hinter verschlossenen Türen. Uns ist sehr wichtig, dass Unternehmen gut geführt werden.

Anträge von anderen Anteilseignern können Sie aber nur auf der HV unterstützen. Oder stimmen Sie bloß über Vorschläge des Vorstands ab?

Wir wollen stets über alle Anträge abstimmen. Das gilt auch für unser neues Stewardship-Team in London.

Bei der Managervergütung haben Sie 2017 über 18.000 Vorschläge von Boards abgestimmt, aber nur über 147 Aktionärsanträge. Warum?

Wo Manager nicht nach Leistung bezahlt werden, machen wir unseren Einfluss geltend und stimmen gegen die Vergütungspakete. Bei den meisten Unternehmen wird indes leistungsgerecht bezahlt.

Wirklich? Bevor John Bogle Vanguard gründete, erhielten CEOs in den USA das 22-Fache eines Angestelltengehalts. Heute kassieren sie das 70-Fache. Haben die Manager das nicht Indexfonds wie Ihrem zu verdanken?

Warum sagen Sie das?

Weil es bei den CEO-Bezügen eine wahre Explosion gab. Die 200 US-Topverdiener stecken das 275-Fache eines Angestellten ein.

Was hat das mit Indexfonds zu tun?

Eine Studie des European Corporate Governance Institute ergab, dass ein höherer Indexfonds-Anteil zu höheren CEO-Gehältern führt. Wie wollen Sie denn die 13.000 Firmen in Ihren Fonds kontrollieren mit einem nur 20-köpfigen Stewardship-Team?

Wie kommen Sie darauf, dass es unsere Aufgabe ist, die Unternehmen zu kontrollieren?

Große Investoren müssen ihre Interessen einfordern, damit die Herrschaften in Aufsichtsrat und Vorstand nicht nur für sich sorgen.

Wir wollen Unternehmen nicht kontrollieren. Wir stellen nur sicher, dass sie gut geführt werden, der Board gut besetzt ist und die Vergütungsstruktur stimmt. Anders als aktive Fondsmanager versuchen wir auch nicht, die Strategie zu beeinflussen.

Buchtipp

Robert Slater
John Bogle and the Vanguard Experiment

Irwin Professional Publishing, 270 Seiten, November 1996, ab 12,30 Euro

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Jeder Ihrer 20 Analysten muss in der dreimonatigen HV-Saison 650 Firmen und über 8500 Anträge prüfen. Wie soll das gehen?

Indem sie sich auf Branchen spezialisieren. Zudem wollen wir das Team bis Jahresende auf 30 aufstocken. Unser Head of Voting ist mit der Personalausstattung sehr zufrieden.

Warum hat Vanguard im vergangenen Jahr nur Manager von 950 Firmen einvernommen? Laufen die anderen alle problemlos?

Wir setzen Prioritäten, und zwar dort, wo wir die größten Anteile halten. Ich muss leider gestehen, dass es unrealistisch ist, jedes Unternehmen jedes Jahr zu treffen.

Ihr Governance-Chef sagt, dass die Treffen den Firmen wertvolles Feedback bringen. Warum stellen Sie nicht viel mehr Analysten ein? Der Führungskultur und damit auch der Performance würde es guttun.

Vanguard gehört den Kunden. Unser Ziel ist es, deren Rendite zu steigern. Wenn wir die Governance-Probleme nicht mehr bearbeitet kriegen, werden wir das Team weiter vergrößern. Wo liegt Ihr Problem?

In den vielen Debakeln, die immer wieder offenbaren, wie schlecht Unternehmen geführt werden. Die Finanzkrise wäre uns sonst genauso wie der Dieselskandal erspart geblieben. Und auch der Absturz von GE.

Indexfondsanbieter wie Vanguard, State Street und BlackRock nehmen das Thema ernst und haben alle ihre Governance-Teams vergrößert.

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