Samstag, 18. August 2018

Historischer Umbau des Traditionskonzerns Wie sich Thyssenkrupp zum Befreiungsschlag zittert

Thyssenkrupp: Das indische Abenteuer
Fotos
picture alliance / Rolf Vennenbe

Die Stahlallianz mit Tata Steel Europe ist endlich unterschriftsreif. Schon sieht der Plan einen schnellen Börsengang vor. Ist das realistisch?

Die folgende Geschichte ist eine leicht veränderte Version unseres mm-Reports aus der April-Ausgabe 2018 , die Ende März erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ein Glück, dass Heinrich Hiesinger (57), der Bauernsohn, einen Sinn für Traditionen hat. Stundenlang sieht er zu, wie Tausende Menschen in Uniformen armeschwenkend an ihm vorbeiziehen, begleitet von der begeisterten Stimme einer Moderatorin, die weit über das Gelände schallt. Der Zug scheint gar nicht aufhören zu wollen, Motivwagen reiht sich an Motivwagen, wie im rheinischen Karneval. Nur die Temperatur ist höher (35 Grad im Schatten), und auf den Wagen werden keine politisch bissigen Karikaturen gezeigt, sondern die Arbeit der einzelnen Tata-Unternehmen. Die Zeremonie endet mit der Blumengabe vor einem Heldendenkmal.

Es ist der 3. März, Founder's Day. In der Millionenmetropole Jamshedpur (230 Kilometer Luftlinie westlich von Kalkutta) feiern sie den 179. Geburtstag von Jamshedji Nasarwanji Tata, dem Gründer des größten indischen Industriekonglomerats. Dessen riesiges Stahlwerk prägt in der Region das Leben, selbst die Wasser- und Energieversorgung stammt von Tata. Daher kann man in Jamshedpur - anders als sonst in indischen Großstädten - getrost aus dem Wasserhahn trinken.

Urenkel Ratan Tata (80), ehemals selbst CEO und nach wie vor Miteigner der Holding Tata Sons (100 Milliarden Dollar Umsatz), hat Hiesinger zu dem Event eingeladen. Der Deutsche soll verstehen, wie die Tata-Welt tickt, bevor man sich mit ihm einlässt. Anfang April wollen Hiesinger und Tata-Chef Natarajan Chandrasekaran (54; kurz: Chandra), bei der Prozession ebenfalls an Hiesingers Seite, drei große Stahlwerkskomplexe in Deutschland, Holland und Wales aus ihren Konzernen herauslösen und in ein Gemeinschaftsunternehmen überführen. Durch die Abspaltung soll ein neuer Stahlgigant entstehen, "eine klare, starke Nummer zwei in Europa", wie ThyssenKrupp-Finanzchef Guido Kerkhoff (50) in Anspielung auf Marktführer ArcelorMittal Börsen-Chart zeigen selbstbewusst verkündet. Umsatz: 15 Milliarden Euro.

So mag die Zukunft aussehen. Die Gegenwart jedenfalls schien düster, sie zwang Hiesinger, sich auf das aufreibende indische Abenteuer einzulassen. ThyssenKrupp wirkt mit seinem wild durcheinandergewürfelten Geschäft (Aufzüge, Autozulieferer, Stahl, Handel) wie ein Konglomerat aus den 90er Jahren, unattraktiv für viele Investoren. Die Stahlsparte, extrem konjunkturanfällig und nun auch noch akut von Strafzöllen bedroht, ist im Weltmaßstab längst viel zu klein.

Eine Fusion lag nahe - und voll im Trend, wie Siemens Börsen-Chart zeigen Gamesa Börsen-Chart zeigen (Wind) oder Siemens-Alstom (Züge) zeigen. In zwei Jahren, wenn die Fusion geschafft ist, wollen Hiesinger und Ratan Tata mit ihrem Stahlkonstrukt an die Börse. So könnten sie sich kontrolliert aus einem eisenharten Geschäft zurückziehen.

Doch hat die deutsch-indische Verbindung tatsächlich das Potenzial, einen schlagkräftigen neuen Player zu formen? Oder folgen da nur zwei Hoffnungslose gemeinsam einer Mode des Kapitalmarktes?

Der Anfang jedenfalls ist schwerer als erwartet. Die Vorarbeiten nahmen mehr als drei Jahre in Anspruch. Der Brexit brachte das Konzept durcheinander, ein abrupter Wechsel an der Tata-Spitze sorgte für monatelange Ungewissheit.

In Deutschland gingen Tausende Metaller gegen den Deal auf die Straße, politisch unterstützt vom damaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Mal machte er sich öffentlich für eine nationale Lösung anstelle der Fusion mit Tata stark. Mal forderte er die deutsche Montan-Mitbestimmung für den Konzern, der seinen Sitz in Amsterdam haben wird. Am Ende beruhigte Hiesinger die Gemüter mit einem Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2026.

Die Vorbehalte sind dennoch nicht ausgeräumt. "Wir müssen stolze Inder, calvinistische Holländer, Südwaliser und selbstbewusste Stahlarbeiter aus dem Ruhrpott irgendwie zusammenbringen", beschreibt ein ThyssenKrupp-Manager die anstehende Aufgabe.

Die Ausgestoßenen selbst stören sich an Pensionslasten und Schulden in Höhe von 6,5 Milliarden Euro, die ihre Mutterkonzerne bei ihnen abladen. Wie solle man "mit dieser finanziellen Ausstattung die nächste Durststrecke durchstehen", stöhnt Günter Back, Gesamtbetriebsratschef der Stahlsparte von ThyssenKrupp.

Hiesinger sieht sich bestärkt durch die Gutachter von Deloitte. Die Wirtschaftsprüfer werden dem Hüttenensemble voraussichtlich uneingeschränkte wirtschaftliche Tragfähigkeit attestieren. Und auch Tata-Boss Chandra ist zuversichtlich: Er glaubt an eine "starke Stahleinheit, die erfolgreich Wachstumsmöglichkeiten nutzen wird".

Sicher, Wunsch und Wille sind da. Was sonst hätten Hiesinger und Kerkhoff mit dem angestammten Stahlgeschäft anfangen sollen, nachdem die Expansionspläne der Vorgänger so krachend gescheitert waren. 2013 wurde eines der beiden unseligen Überseewerke abgestoßen, das andere zum Verkauf gestellt. Und die leidige Edelstahlsparte ging auch weg.

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