Montag, 11. Dezember 2017

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Interview mit wichtigstem Uhren-Unternehmer der Welt Nick Hayek: "Sie wollen fragen, wann ich sterbe?"

Swatch-Group-Chef Nick Hayek leibt, lebt und raucht.

Nick Hayek hält wenig von Nachfolgeplanungen und noch weniger von deutschen Automanagern. Gutes Unternehmertum ist für den Chef der Swatch Group Rebellion - das galt schon für seinen Vater.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 11/2017 des manager magazins, die Ende Oktober erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Der Tag begann für Nick Hayek (62) wie meistens mit einem Hubschrauberflug. Am Morgen hob er ab von seinem Wohnort bei Zürich, eine halbe Stunde später landete er in der Nähe seines Büros in Biel. Dort, in einem unspektakulären Verwaltungsbau in einer eher grauen Stadt, schwingt seit Jahrzehnten die innere Unruh der Schweizer Uhrenindustrie. Wie schon Vater Nicolas gibt sich auch der Sohn nicht damit zufrieden, die Swatch Group zu leiten, den größten Uhrenkonzern der Welt mit Marken wie Breguet, Blancpain, Glashütte Original, Omega, Longines, Tissot und eben Swatch. Der Vater erfand nebenbei den Smart, der Sohn hat mit seiner Firma Belenos eine Batterie für das heraufziehende Zeitalter der Elektromobilität entwickelt, angeblich besser als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien.

Der Mann ist Realist und Fantast zugleich. Er fliegt mit dem Hubschrauber zur Arbeit und will gleichzeitig etwas für die Umwelt tun - that's life. Auf jeden Fall ist Nick Hayek ein großartiger Geschichtenerzähler. Das Gespräch wird mehr als zwei Stunden dauern. Hayek genießt es, wie die Zigarre, die er dazu raucht.

manager magazin: Herr Hayek, im Swatch-Geschäftsbericht ist ein Schwarz-Weiß-Bild von Ihnen als kleiner Junge auf Skiern abgedruckt. Nett anzuschauen, aber was soll das?

Nick Hayek: Unsere Botschaft ist: "Keep the Fantasy of Your Childhood". Kinder haben zum Glück keine Angst, Fragen zu stellen. Sie sind neugierig und noch nicht wie die Erwachsenen auf Anpassung getrimmt. Mein Vater hat uns immer vorgelebt, sich von seiner Neugier und seinen Instinkten leiten zu lassen. Echte Unternehmer überwinden Hindernisse, die die Gesellschaft in Form von Regeln en masse aufstellt. Deshalb hängt immer noch die Piratenfahne draußen vor meinem Bürofenster.

Ein etablierter Milliardär wie Sie als Freibeuter der Wirtschaft - das wirkt auf uns eher wie ein Marketinggag.

Etabliert zu sein ist doch keine Zielsetzung für einen echten Unternehmer. Höchstens für Manager. Darum hören Sie so gern auf die Meinung der Analysten, anstatt Neues zu wagen. Es scheint mir leider, dass diese Geisteshaltung auch in Teilen der deutschen Automobilindustrie zu finden ist, sonst gäbe es ja schon längst viel mehr Elektroautos made in Germany.

Was hätten Sie anders gemacht?

Ich erzähle Ihnen mal eine Anekdote, durch die ich viel gelernt habe. Auf einer Verwaltungsratssitzung unserer gemeinsamen Firma mit Daimler Börsen-Chart zeigen, die damals den Smart entwickelt hat, waren auch hochkarätige Daimler-Manager präsent, zum Beispiel die Herren Hubbert und Zetsche. Diese Sitzungen liefen sehr formal ab, ich würde sagen konventionell. Auf einmal entbrannte eine technische Diskussion voller für mich noch nie gehörter Fachausdrücke. An einer Stelle hat mein Vater dann gefragt: "Was heißt das eigentlich?" Alle haben sich entsetzt angeschaut, nach dem Motto: Wie kann der so was fragen, weiß er das etwa nicht? Es stellte sich dann heraus, dass keiner wirklich erklären konnte, was Sache war. Ehrlich gesagt, hätte ich mich damals nicht getraut zu fragen, aus Angst, mich zu blamieren. Meinem Vater war das egal. Es ging ihm um die Sache und nicht um seinen Status.

Frische Ideen sind toll, aber Daimler hat nie etwas am Smart verdient, nachdem Ihr Vater sich aus dem Projekt zurückgezogen hatte.

Mag sein, aber nur weil Daimler damals der Mut verlassen hat. Mein Vater wollte die Mobilität neu erfinden, das Auto sollte die Umwelt weniger vergiften, weniger Platz verbrauchen und dabei noch Spaß machen. Es sollte als Hybrid mit Elektromotor an- getrieben werden. Am Ende hieß es, das gehe nicht, stattdessen hat man sich für einen normalen Verbrennungsmotor entschieden. Also hat mein Vater gesagt: ohne uns. Stellen Sie sich vor, wo der Smart heute stünde, wenn man ihn vor 20 Jahren als Elektro- oder Hybridvariante gepusht hätte.

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Ursprünglich wollten Sie den Smart mit Volkswagen bauen.

Ursprünglich eigentlich allein. Aber ja, der damalige VW-Markenchef, Herr Goeudevert, stand voll hinter der Idee, und seine Ingenieure, die anfangs ziemlich arrogant waren, haben bald Feuer gefangen. Da-rüber gibt es sogar einen zweistündigen Dokumentarfilm.

Sie haben an der Pariser Filmakademie studiert und später als Produzent und Regisseur gearbeitet. Haben Sie Regie geführt?

Teilweise ja. Als unsere Uhreningenieure in Wolfsburg ankamen, fanden sie zunächst den Eingang nicht, weil das Gelände so groß ist. Die Zusammenarbeit hat sich super entwickelt, kam dann jedoch zu einem abrupten Ende, als Herr Piëch den Vorstandsvorsitz bei VW übernahm und klarmachte, dass er keine Uhreningenieure braucht, um ein neues Automobil zu bauen. Man sieht im Film, wie Herr Piëch sofort aus dem Bild gegangen ist, als mein Vater sich ihm näherte. Damit war das Abenteuer VW beendet.

Und jetzt wollen Sie den Traum Ihres Vaters wahr werden lassen, indem Sie eine neue Batterie entwickeln?

Nicht einen Traum, sondern die Vision und Überzeugung, dass diese Welt andere Automobile braucht. Mein Vater hat 2008 Belenos gegründet ...

... ein Start-up, das an Akkus auch für Autos forscht ...

... weil es in der Mobilität eine Veränderung der Gewohnheiten der Menschen weltweit geben muss.

Die von Belenos entwickelte Batterie soll nach Ihren Angaben effizienter sein als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Wann wird das erste Auto damit fahren?

Haben Sie ein bisschen Geduld.

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