Sonntag, 19. November 2017

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Start-up-Zentren nach US-Vorbild Was die Gründerzentren deutscher Hochschulen taugen

Zentrum für deutsche Gründer: das Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

2. Teil: Eine kleine Kulturrevolution

Klar ist: Für die heimischen Universitäten mit ihrem geldfernen Bildungsideal bedeutet die Hinwendung zur Start-up-Hilfe eine kleine Kulturrevolution. Das Gründen von Firmen ist klassischerweise kein Bildungsziel für Betriebswirte, für praktische Tätigkeiten abseits der strengen akademischen Disziplinen dürfen Universitäten gar kein Geld ausgeben.

Erst vor 20 Jahren wurde der erste Ordinarius für Entrepreneurship in Deutschland berufen. Heute gibt es davon gut 130, rechnet Herbert Gillig vor, Professor für dieses Fach an der Hochschule München und Leiter der Gründungsförderung am SCE. "Jeder dieser Lehrstühle produziert nicht nur einschlägiges Wissen, seine Arbeit zeigt auch praktische Auswirkungen im Themenfeld", sagt Gillig.

Bei einigen Universitäten lässt sich das besonders gut verfolgen: An der mit 650 Studierenden sehr kleinen Leipziger HHL widmen sich von 24 Vollzeitprofessoren derzeit zwei, demnächst wieder drei dem unternehmerischen Denken und Handeln. Der prominenteste war Rektor Andreas Pinkwart, der inzwischen Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen ist. Der FDP-Politiker hat das Spinlab, den Accelerator der HHL, mitgegründet, er galt als unermüdlicher Antreiber immer neuer Start-up-Initiativen.

Vivek Velamuri, ein Juniorprofessor in verwaschenem Hoodie mit zweifarbiger Kapuze, lässt alle Studierenden gleich ab dem ersten Semester eigene Firmenkonzepte entwickeln und ausprobieren. "Wir machen hier nicht den üblichen BWL-Bullshit", sagt der gebürtige Inder, "sondern hands-on hard Business! Jeder nach seinen Fähigkeiten!" Was heißt, dass zumindest die Mehrheit der Studierenden ein Unternehmensprojekt am Markt testet.

Gestaltungswille und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen

Auch an der Hochschule München soll "jeder Studierende lernen, wie man ein Unternehmen gründet", sagt Präsident Martin Leitner. "Nicht theoretisch nach Lehrbuch, sondern möglichst praktisch." Der Mathematikprofessor verströmt selbst im dunklen Dreiteiler eine heiter-gelöste Stimmung. Unternehmerische Erfahrung hat Leitner eher am Rande der Wirtschaft gesammelt, als Mitgründer eines Privattheaters.

Für Leitner sind Tugenden wie Gestaltungswille und das Übernehmen von Verantwortung zentrale Elemente der Persönlichkeitsbildung. "Wir machen Personen zu Persönlichkeiten" heißt es im Leitbild seiner Hochschule. Weshalb das Thema Entrepreneurship in immer mehr Lehrplänen und Prüfungsordnungen auftaucht - auch in den technikfernen Fakultäten, bei den Angewandten Sozialwissenschaften oder bei den Designern. Mit Erfolg: Alljährlich verlassen 20 bis 25 Start-ups die Hochschule München, finanziell mit je ein paar Tausend Euro Sachmittelzuschuss allerdings sehr karg ausgestattet.

Die mit 9000 Studierenden exakt halb so große Leuphana, vom Präsidenten Sascha Spoun seit 2006 als Regionaluniversität komplett neu konzipiert, kommt auf 50 bis 60 Ausgründungen pro Jahr. "Den Impuls zu konkreter, akademisch fundierter Aktivität lenken wir systematisch in Gründungsinitiativen", sagt Vizepräsident Markus Reihlen, an der Leuphana zuständig für die Start-up-Förderung. Hierfür bietet die Uni jährlich rund 100 Veranstaltungen: Ein Drittel ist in den Lehrplänen verankert, der Rest vernetzt die Studierenden mit Kapitalgebern, mit regionalen Firmen und Institutionen wie etwa der Industrie- und Handelskammer.

"In den strukturschwachen Landkreisen um Lüneburg und in der Stadt sind unsere Start-ups sehr willkommen", sagt Reihlen. Der aber auch einräumen muss, dass etliche Leuphana-Ausgründungen die ländliche Region verlassen und nach Hamburg oder Berlin ziehen.

Beim Aufbau ihrer Gründerförderung hatten die Lüneburger einen Vorteil: Seit 2009 haben die EU, das Land Niedersachsen und die Stadt rund 100 Millionen Euro in den innerlichen und äußerlichen Neuaufbau der Uni investiert. Damit wurde unter anderem ein Inkubator finanziert. Start-ups finden dort kostenlose Büro- und Arbeitsräume, digitale Infrastruktur und eine Tür-an-Tür-Nachbarschaft, in der Neulinge von erfahreneren Gründern direkt lernen können.

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