Freitag, 20. Oktober 2017

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Crowdinvesting Die Macht des Schwarms

Crowdfunding: Finanzspritze vom Schwarm
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Corbis

Crowdinvesting boomt. Die Start-up-Finanzierung via Web-Gemeinde bringt Tempo, ist ein guter Markttest - und nicht ohne Risiko. Das gilt für Anleger und Jungunternehmen gleichermaßen.

Der Himmel trägt Grau, die Sonne hat sich freigenommen, ungemütlich ist es draußen und kalt. Drinnen aber, in einem Büro in Berlin, geraten drei junge Herren ins Schwitzen an diesem 15. November im vergangenen Jahr. Rund zwei Jahre zuvor haben die Brüder Stephan (34) und Robert (31) Henker sowie Serienentrepreneur Marius Schulze (32) Refined Investment gegründet, eine Plattform, die Privatanlegern Zugang zu automatisierten Handelssystemen bietet. Sie präsentierten ihre Idee per Video im Internet - und jetzt, ab 12 Uhr, geht es um alles: Wird die Netzgemeinde das dringend benötigte Geld geben? Hat ihr Vorhaben überzeugt?

Die Jungunternehmer starren auf die Monitore, die auf hellen Holztischen stehen. Der kleine Balken, der den Fortschritt der Finanzierung anzeigt, wächst schnell. Schon nach 15 Minuten steht er bei 50.000 Euro, dem Minimalziel der Gründer. Erste Erleichterung.

Lange haben sie an dem Konzept gearbeitet. Die Systeme von Refined Investment analysieren Aktien, Rohstoffe, Währungen, sie öffnen, managen und schließen Trades - ohne dass der Kunde einen Finger rühren muss. "Bislang konnten im Grunde nur institutionelle Anleger automatisiert an der Börse handeln", sagt Robert Henker. "Mit der Demokratisierung durch das Internet hat jetzt jeder diese Möglichkeit." Sicher, die Investments sind spekulativ und hochriskant, Totalverluste nicht ausgeschlossen. Aber weil der Computer nicht nach drei Gläsern Rotwein euphorisch zukauft oder verdrossen abstößt, wenn es Ärger im Büro gab, lassen sich bewährte Anlagestrategien immerhin konsequent verfolgen. Es geht darum, Gier und Angst den Kampf anzusagen. Der Autopilot nimmt die Emotionen heraus.

100.00 Euro in 52 Minuten

Finanzmakler Stephan Henker entwickelte das Konzept, sein Bruder Robert arbeitete es in seiner Master-Thesis für den MBA an der ESCP aus. Eine schöne Idee, leider ziemlich kompliziert. Gründerwettbewerbe, Banken, Business Angels - überall, wo die Neu-Entrepreneure vorsprachen, hieß es: tolle Sache, aber wir verstehen's nicht ganz. "Eine Finanzierung zu bekommen war trotz eigener Technologie und erster Kunden extrem schwierig", erinnert sich Robert Henker.

Schließlich stellte Marius Schulze den Kontakt her zu einem jungen Unternehmen namens Seedmatch. Die Crowdinvesting-Plattform sammelt keine Überweisungen von Wagniskapitalgebern oder Sparkassen, sondern von der "Crowd", vielen Privatinvestoren, die äußerst überschaubare Beträge zu einem ansehnlichen Batzen zusammenwerfen.

Am 15. November, kurz vor 13 Uhr, ist der Batzen 100.000 Euro groß, das damalige Finanzierungslimit erreicht. 100.000 Euro in 52 Minuten, Deutschlandrekord! "Es war ein tolles Gefühl zu sehen, dass da draußen so viele an unsere Idee glauben", sagt Henker. Die Crowd hatte goutiert, was die Banken nicht verstanden.

Seedmatch aus Dresden ist mit großem Abstand Marktführer in der noch frischen Welt der Schwarmfinanzierung: Anstatt wochenlang bei Banken und vermeintlichen Großgönnern Klinken zu putzen, stellen Gründer ihre Idee auf einer Plattform wie Seedmatch der Web-Gemeinde vor. Ist die Crowd angetan, fließt Geld. Die Unterstützer können mit kleinsten Summen mit von der Partie sein, manchmal schon ab fünf Euro.

Im Gegenzug partizipieren sie an künftigen Gewinnen und einem eventuellen lukrativen Exit. Die Plattformen erhalten in der Regel eine Provision von 5 bis 10 Prozent. "Für Start-ups ist Crowdinvesting gerade in der Frühphase ein alternatives Finanzierungsvehikel, das teilweise die Lücke schließt, die Business Angels und Venture Capitalists lassen", sagt René S. Klein vom Portal für-gründer.de.

Schwärmerisch schlossen die an Gründerkapital notorisch klammen Deutschen die Schwarmfinanzierung in die Arme: Wurden 2011 nur 400.000 Euro über Crowdinvesting eingesammelt, waren es im Jahr darauf schon 4,3 Millionen; für 2013 rechnen Experten mit 20 Millionen. 43 Start-ups verpasste die Crowd allein 2012 eine Finanzspritze. "Der Boom hilft nicht nur den Firmen selbst - er rückt auch das Thema Entrepreneurship stärker in den gesellschaftlichen Fokus", sagt Andreas Lukic, Vorsitzender der Business Angels Frankfurt Rhein-Main.

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