Donnerstag, 21. März 2019

Crowdinvesting Die Macht des Schwarms

Crowdfunding: Finanzspritze vom Schwarm
Corbis

4. Teil: Wurschtige Blauäugigkeit

Dass der Schwarm reif ist, derartige Millioneninvestments zu stemmen, halten viele in der Szene für unrealistisch. Doch der Bergfürst-Vorstoß zeigt: Crowdinvesting hat noch einige Kinderkrankheiten zu heilen. "Einige sind naiv gestartet und dachten, sie könnten die Venture Capitalists ersetzen", sagt Malte Brettel, Professor für Wirtschaftswissenschaften und Leiter des Gründerzentrums der RWTH Aachen.

Immer wieder klagen Gründer über handwerklich unausgereifte Verträge der Plattformen, versteckte Kosten oder - zumindest anfangs - eine gewisse wurschtige Blauäugigkeit. Motto: "Das klappt schon, wir sind doch die coole Netzgemeinde." Dringend sollten die Plattformen in professionelle Anwälte investieren, fordern viele Start-ups.

Experten wie Hornuf mahnen das für den gesamten Markt an: "Wir brauchen ein Modell, das nicht nur auf einer Lücke im Gesetz basiert." Der Volkswirt plädiert für eine freie Finanzierungsobergrenze, etwa von 750.000 Euro - und bei höheren Summen für eine Prospektpflicht light.

Die größte Gefahr für Start-ups

Derweil gehen sämtliche Akteure im Markt für 2013 von einer Konsolidierung und weiterem Wachstum aus - denn trotz der Kinderkrankheiten möchte niemand in die Zeit vor Crowdinvesting zurück. "Gerade für Start-ups, die für Banken zu riskant, für Venture Capitalists zu klein, aber für Freunde und Bekannte zu groß sind, ist das ein wichtiges Instrument, um co- oder zwischenzufinanzieren", sagt Wirtschaftsprofessor Brettel.

Mit Betonung auf "co" und "zwischen". Denn die größte Gefahr für Start-ups liegt nicht in Verträgen oder unklarer Rechtslage - sondern in der ausschließlichen Konzentration auf Crowdinvesting. Ein Business Angel bringt neben Geld auch Know-how und wertvolle Netzwerke mit; Wagniskapitalgesellschaften steuern Erfahrung und Marktüberblick bei. Es wäre fahrlässig, darauf zu verzichten. "Wenn ein Start-up sagt, ,Wir brauchen nur das Geld, lasst uns in Ruhe', ist das sehr kurzsichtig", sagt Christian Göttsch, Business Angel und Gründer von Experteer.

Göttsch berät auch MiBaby, ein Portal für junge Eltern, die vor Anschaffungen für den Nachwuchs stehen. "Wir sind kein Shop, sondern bieten eine Community aus Experten, Hebammen, Ärzten und anderen Eltern", sagt Tim Kettenring (30), der MiBaby mit Björn Anton (32) gegründet hat. Zum Kaufen werden Kunden an Shops weitergeleitet, von denen MiBaby Provisionen kassiert.

Ende Januar sammelte das Portal 250.000 Euro über Seedmatch ein. "Das lief schnell und unkompliziert - und die 329 Investoren wollen alle etwas für die Firma tun", freut sich Kettenring. Auf den Rat von Business Angels mögen die Gründer aber nicht verzichten. Neben Göttsch unterstützen unter anderen Jochen Schweizer und Stefan Menden das Unternehmen mit einer mittleren sechsstelligen Summe - und ihrer Expertise.

Göttsch spielte Türöffner bei weiteren Geldgebern oder hilft mit Vorlagen für Verträge aus. "Die Crowd ist gut, um die Marktakzeptanz zu testen", sagt Kettenring. "Aber ein Profi-Investor kann Businesspläne oft besser beurteilen und sieht, wenn etwas in die falsche Richtung läuft." Ein umsichtiger Gründer hat beide an Bord.

© manager magazin 4/2013
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