Sonntag, 20. Januar 2019

Crowdinvesting Die Macht des Schwarms

Crowdfunding: Finanzspritze vom Schwarm
Corbis

2. Teil: Es braucht eine gute Story

Schöne neue Geldwelt - doch es gibt Fragezeichen. In der Schwarmbegeisterung werden schnell die Risiken vergessen, die über dem jungen Segment schweben: die Reaktion der Crowd auf erste Firmenpleiten, die Frage der Anschlussfinanzierung, möglicher Streit über eine faire Unternehmensbewertug. So verlockend das schnelle Kapital der Masse ist: Für Start-ups kann eine Konzentration nur auf Crowdinvesting auch Nachteile haben. Sie müssen genau prüfen, in welcher Phase und mit welcher Plattform es am besten passt.

Für Henker und seine Kollegen war vor allem ein Faktor entscheidend: Tempo. Die Programmierung ihrer Website, Verträge mit Vermögensverwaltern (die die Handelsstrategien liefern) und Brokern (wo die Kundenkonten geführt werden) - das kostete Geld. "Aber Finanzmittel aufzutreiben ist zeitaufwendig", sagt Henker. "In dieser Zeit verdient man nichts und kann nicht inhaltlich arbeiten." Während aber der Prozess bei Banken oder Wagniskapitalgebern oft Monate dauert, rechnen die Crowdinvesting-Anbieter eher in Wochen. Nicht umsonst strahlen ihre Websites Dynamik und pure Geschwindigkeit aus, mit zitternden Tachonadeln und fröhlich vorwärtsdrängenden Fortschrittsbalken.

Noch ein Vorteil aus Start-up-Sicht: Venture Capitalists nehmen gern das Konzept ausführlichst auseinander, stellen fuderweise Nachfragen, verlangen Änderungen. "Crowdinvesting-Plattformen sind unkomplizierter", sagt Tobias Kollmann, Professor für E-Entrepreneurship an der Uni Duisburg-Essen. "Natürlich durchleuchten auch sie die Geschäftsidee, aber nicht so intensiv wie Venture-Capital-Firmen im Rahmen eines persönlichen Prüfungsprozesses."

Reale Rendite

Um den Schwarm zu überzeugen, braucht es vor allem eine gute Story, meist als Video produziert. "Seedmatch hat uns hier geholfen, die wesentlichen Punkte herauszuarbeiten", sagt Henker. Deshalb war für die Gründer, über deren Portal mittlerweile mehr als 10.000 Trades im Monat abgewickelt werden, klar: Die nächste Finanzierung läuft auch über die Crowd.

Die Sorgfalt, mit der die Web-Gemeinde umworben wird, zeigt: Die Crowdinvesting-Portale sind nicht, wie oft befürchtet, die Resterampe für Firmen mit besonders schlechten Ideen. Die Geldgeber sind nur andere - und es sind mehr. "Mit Crowdinvesting verlässt die Start-up-Finanzierung den abgeschlossenen Kreis weniger Experten", sagt Christian Thaler-Wolski von der Venture-Capital-Gesellschaft Wellington Partners. Seedmatch-Geschäftsführer Jens-Uwe Sauer formuliert weniger zurückhaltend: "Wir sind auf beiden Seiten Gamechanger - für Anleger und Start-ups."

Anders als Crowdfunding, wo einzelne Projekte wie etwa das neue Album eines Musikers unterstützt werden und der Lohn für die Geldgeber meist ideell ist, setzt Crowdinvesting auf die Finanzierung ganzer Firmen. Die Mini-Investoren müssen ihr Geld meist für drei bis sieben Jahre in der Firma lassen, dafür erwartet sie im Erfolgsfall eine reale Rendite. Wie hoch sie ausfällt, steht derzeit in den Sternen, da die finanzierten Start-ups erst wenige Jahre am Markt sind, sich die Unternehmensbewertung ändern kann oder Anteile an der Firma durch neue Investoren verwässert werden.

"Anleger sollten sich im Klaren sein, dass dies Hochrisiko-Investments sind, und ihr Portfolio möglichst über mehrere Start-ups und Plattformen streuen", sagt Lars Hornuf, der an der LMU München die "Forschungsdatenbank Crowdinvesting" ins Leben gerufen hat. Die britische Finanzaufsicht hat bereits vor Crowdinvestments gewarnt: fehlende Kontrolle, illiquide Anlage, keine Renditegarantie.

Der Begeisterung tut das allerdings keinen Abbruch. Rund ein Dutzend Plattformen wie Gründerplus, Fundsters, bankless24 oder Mashup Finance sind inzwischen auf dem deutschen Markt. Eine relevante Größe haben bislang aber nur drei Anbieter, die das Segment quasi unter sich aufteilen: Seedmatch, das beinahe zwei Drittel des 2012 vermittelten Kapitals auf sich vereinigte und Start-ups wie Leaserad päppelte, oder Protonet (200.000 Euro binnen 48 Minuten).

Dazu Companisto, das dem Ärztefinder Doxter Starthilfe gab, und Innovestment, wo Fundings im Auktionsverfahren laufen und die Mindestsumme in der Regel 1000 Euro beträgt. "Meist sind die finanzierten Geschäftsideen weniger forschungs- und kapitalintensiv", sagt Gründerexperte René S. Klein. "Das Gros ist sehr konsumentenorientiert und stammt aus den Bereichen E-Commerce oder Digital und Mobile Services."

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