Samstag, 15. Dezember 2018

Milliardenschwerer Börsengang des Streaming-Dienst Hohes Wachstum, keine Gewinne - gelingt Spotify der Börsen-Coup?

Keine Gewinne, aber Marktmacht: Spotify-Chef Daniel Ek Mitte März auf seiner Werbetour für Investoren in New York.

Der Gründer Daniel Ek hat der Musikindustrie ein Comeback beschert. Das Geschäftsmodell seines Konzern steckt allerdings voller Risiken. Trotzdem wagt er Anfang April mit Spotify einen milliardenschweren Börsengang.

Früher waren es Radio-DJs und MTV-Moderatoren, die einen Song zum Hit machten. Heute sind es die "Kuratoren" des Streamingdienstes Spotify. Sie sitzen beispielsweise im Berliner Büro der Schweden und klicken sich durch ihre digitale Plattensammlung. Ihre Aufgabe: Die Zusammenstellung von Liederlisten wie "Sonne" oder "Swag!" verantwortlich, die oft mehrere Hunderttausend Abonnenten haben. Ihr Ziel: Die Spotify-Nutzer sollen nahtlos Song an Song hören, so lange wie möglich.

Für Labels und Künstler funktioniert ein Platz auf der Playlists wie früher ein TV-Auftritt. Ohne Unterstützung der Spotify-Redaktion wird heute kein Lied mehr zum Chartwunder. Und wer es sich mit den Schweden verscherzt, hat ein Problem. "Da gibt es regelrechte Blacklists", sagt ein Labelmitarbeiter. "Wenn du einen Exklusivdeal mit einem anderen Streamingdienst machst, musst du dich nicht wundern, wenn du bei Spotify nicht stattfindest."

Diese Marktmacht will Spotify nun auch endlich in finanzielle Feuerkraft ummünzen. Für den 3. April ist der Börsengang in New York geplant, bis zu ein Drittel der Papiere der Altinvestoren kommt auf den Markt: 55,7 der insgesamt 178 Millionen Aktien. Zuletzt taxierte Spotify seine Aktien intern auf einen Preis von je 132,50 Dollar - was einem Gesamt-Börsenwert von etwa 23,5 Milliarden Dollar entspräche. Es könnte also einer der größte Börsengänge eines Medienunternehmens der Geschichte werden.

US-Sängerin Katy Perry bekam im Sommer 2016 die Macht der Schweden zu spüren, als sie es wagte, ihre Single "Rise" eine Woche lang exklusiv auf Apple Music zu veröffentlichen. "Rise" war offizieller Olympia-Song von Fernsehsendern wie NBC oder dem ZDF - doch Spotifys Kuratoren taten einfach so, als wäre er irrelevant.

Was folgte, war eine Lektion darüber, wer im Musikbusiness heute das Sagen hat: Perrys Single floppte. In wichtigen Märkten schaffte es "Rise" - trotz ausgiebiger Werbung während der Wettkampfübertragungen - nicht einmal in die Top Ten (UK: 25; Deutschland: 39; Italien: 51).

Spotify bestreitet, die Playlists für Bestrafungsaktionen zu missbrauchen. Tatsächlich aber bleibt Labels wie Universal nichts anderes übrig, als ihre Manager ans Telefon zu setzen, um Kuratorinnen des Unternehmens zu bezirzen. "Playlist-Marketing" nennt sich das.

Im Jahr 2018 geht im Musikbusiness nichts mehr ohne Spotify. Der Dienst hat die Branche revolutioniert und den Markt quasi neu erfunden, so wie das bereits Facebook Börsen-Chart zeigen und Google Börsen-Chart zeigen in ihren Sektoren gelungen ist. Nahezu im Alleingang hat Spotify das darbende Musikgeschäft reanimiert und die illegalen Downloads abgeschüttelt. Vor allem dank Spotifys Tantiemen wachsen die Umsätze der Labels wieder.

2015 gingen sie um 3 Prozent nach oben, das erste Mal seit 1999. Analysten prophezeien bereits ein neues Goldenes Zeitalter. Die Investmentbank Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen rechnet bis 2030 mit einer Verdopplung der Erlöse.

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