Mittwoch, 20. September 2017

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Spielsucht bei Managern Das Hoeneß-Syndrom

Im Sog der Märkte: Manager, die den Kick suchen
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REUTERS

Uli Hoeneß ist kein Einzelfall: Viele Unternehmer und Manager suchen am Finanzmarkt den Nervenkitzel. Nicht wenige verlieren die Kontrolle - und ihr Vermögen. Wie Wirtschaftsführer in die Zockerei abrutschen.

Am südöstlichen Rand der Schwäbischen Alb ragt in einem tristen Industriegebiet ein dunkler Betonklotz mit grellen, orangefarbenen Zierstreifen in den Himmel. Auf dem Dach des Gebäudes kreist träge ein weißer Würfel mit einem markanten schwarzen M auf jeder Seite. Die riesigen Buchstaben sollen der Welt zeigen, wer hier das Sagen hat: Erwin Müller (80), Milliardär und König der Drogeriemärkte.

Seit Jahrzehnten wird der gelernte Friseur für sein Geschick gerühmt, Shampoo und Parfüm billig ein- und teuer weiterzuverkaufen. Damit kennt er sich aus, damit ist er reich geworden.

Im März jedoch offenbarte der Geschäftsbericht, auf welche Abwege der Patriarch mit Handelsgeschäften ganz anderer Art geraten war: Die Zentrale des Drogerieimperiums hatte zumindest zeitweise eine gefährliche Ähnlichkeit mit dem Tradingdesk eines Hedgefonds.

Müller schloss spektakuläre Wetten auf den Fall des Schweizer Franken und des japanischen Yen ab, die er genauso spektakulär verlor. Rund 241 Millionen Euro Verlust standen schließlich in den Büchern. Der mit Aktien und riskanten Optionspapieren geführte Übernahmekampf gegen den Konkurrenten Douglas Börsen-Chart zeigen drohte zeitweise im Desaster zu enden. Und Ende Mai verklagte der streitbare Schwabe die Schweizer Privatbank Sarasin wegen missratener Aktiengeschäfte auf 50 Millionen Euro Schadenersatz.

Am Ende hatten Müllers Kreditgeber offenbar genug von der Zockerei. Auf Druck seiner Gläubiger musste der Unternehmer 290 Millionen Euro zurückstellen, um seine Währungsrisiken abzusichern, berichtete die "Lebensmittelzeitung". Den Konsortialkredit verlängerten die Banken erst, nachdem Müller seinen Finanzchef Hansjörg Plaggemars (42) in die Geschäftsführung befördert hatte. Dessen Aufgabe wird es sein, den Hobby-Hedgefondsmanager zu bremsen.

Millionen-Zocker Erwin Müller ist nur einer von vielen

Dass nun ausgerechnet Erwin Müller als Börsenzocker auffällig wurde, liegt wohl hauptsächlich an der Größenordnung seiner Geschäfte. Tatsächlich ist er nur einer von vielen Unternehmern und Managern, die an den Finanzmärkten den Nervenkitzel suchen: Das Privatbankkonto mit großzügigem Kreditrahmen und 24-Stunden-Telefondienst für Börsendeals ist mehr als nur ein Statussymbol. Es ist das heimliche Spielkasino der deutschen Wirtschaftselite.

"Börsendeals sind für Manager und Unternehmer, was vor 300 Jahren Würfel- und Kartentische an Königs- und Fürstenhöfen waren: die sozial akzeptierte Form des Glücksspiels", sagt Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Uni Hohenheim.

Wer über seinen Broker Wetten abgibt, gilt nicht als Hasardeur, sondern als smarter Investor. In manchen Fällen gleicht dieses Selbstbildnis allerdings einem gefährlichen Selbstbetrug. "Darauf zu setzen, ob der Dax Börsen-Chart zeigen oder der Euro in der nächsten halben Stunde höher oder tiefer steht, ist nichts anderes als Glücksspiel", sagt Becker: "Solche Schwankungen sind nicht durch wirtschaftliche Faktoren zu erklären und damit auch nicht erfolgreich vorhersagbar."

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