Mittwoch, 22. November 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Rheintalbahn-Sperrung "Europäische Bahnlogistik steht vor dem Kollaps"

An der Baustelle für Bahntunnel Rastatt wird seit Donnerstag eine Betonplatte zur Stabilisierung des Tunnels gegossen.

Seit Wochen schlittert die Deutsche Bahn von einer Misere in die nächste: Eingebrochene Schienen, der Verlust eines millionenschweren Tunnelbohrers, desolate Krisenbewäligung und nun der Abriss einer Oberleitung - die Öffentlichkeit übt jetzt Druck auf die Politik aus.

Seit fast einem Monat ist die wichtige Rheintalbahn zwischen Rastatt und Baden-Baden gesperrt. Eine Pannenserie bei den Bauarbeiten und totales Versagen bei der Krisenbewältigung stellen den Beteiligten ein Armutszeugnis aus.

Dutzende Verbände erhöhen nun den Druck auf die Politik: "Der Wirtschaft, insbesondere den Transportunternehmen, entstehen Schäden in Milliardenhöhe", sagte der stellvertretene Vorsitzende des Fachausschusses Schienengüterverkehr beim Verband Speditionen und Logistik Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, Siegfried Wendland. Die Rede ist von einem "Desaster für NRW-Eisenbahnspediteure". Rund 50 Prozent des Warenaustausches zwischen Nordeuropa und Italien erfolgen laut Aussagen des Verbands über die Achse.

Am 12. August ging das Elend los: Wasser und Erdreich drangen in eine neue Tunnelröhre nur knapp fünf Meter unterhalb der Bahntrasse bei Rastatt ein. Die Gleise sackten ab, seitdem ist die wichtige europäische Nord-Süd-Hauptstrecke zwischen Rastatt und Baden-Baden gesperrt. Um den Tunnel zu stabilisieren, muss ein Bohrer im Wert von 20 Millionen Euro mit eingebuddelt werden - ein Oberpatzer.

Der Zugverkehr auf der Nord-Süd-Achse von Rotterdam nach Genua hätte mit Hilfe wohlüberlegter Krisenkommunikation umgeleitet werden sollen - auch das schlug fehl. Laut Kritikern ist derBuhmann die Deutsche Bahn und deren Vorstand Ronald Pofalla.

Und kürzlich der nächste Gau: Am Riegeler Bahnhof hatte am Donnerstag ein Bagger ein die Oberleitung spannendes Richtseil abgerissen und dabei einen Kurzschluss ausgelöst, sagte eine Sprecherin der Bundespolizei. Ein zu diesem Zeitpunkt durchfahrender ICE ist daraufhin auf freier Strecke liegen geblieben. Dies führte zu einer weiteren Sperrung - diesmal bei Kenzingen zwischen Offenburg und Freiburg. Der mit etwa 250 Reisenden besetzte ICE sei "relativ zügig" evakuiert worden. Die Reisenden seien dann mit einem Ersatzzug nach Offenburg gebracht worden, sagte die Sprecherin. Demnach konnte der Schaden an der Oberleitung etwa drei Stunden nach dem Unfall wieder beseitigt werden.

Am gleichen Tag begann die Deutsche Bahn mit dem Bau einer ersten Betonplatte über dem beschädigten Tunnelabschnitt. Insgesamt sollen 1100 Kubikmeter Beton in den rund 100 Meter langen und zehn bis elf Meter breiten Abschnitt eingearbeitet werden, sagte Projektabschnittsleiter Frank Roser in Rastatt. Zwei Platten sollen den Tunnel stabilisieren und den Zugverkehr darüber ermöglichen. "Wir halten am 7. Oktober fest, ab 00.01 Uhr sollen die Züge wieder rollen", sagte Roser.

Folgenreichste Sperrung der letzten Jahrzehnte

Trotz des Festhaltens am Fertigstellungstermin wird der Druck der Öffentlichkeit immer größer: Am Mittwoch wandten sich zwei Dutzend Verbände und Unternehmen aus dem Transportsektor und dem Naturschutz in einem offenen Brief an Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und EU-Transportkommissarin Violeta Bulc. "Das System der europäischen Bahnlogistik steht vor dem Kollaps", hieß es. "Jahrzehntelange Investitionen in das System Schiene werden geschädigt beziehungsweise zunichtegemacht." Der Verkehr werde für Jahre auf die Straße verlegt. Die Verbände sprachen zudem von der folgenreichsten Vollsperrung der letzten Jahrzehnte und Schäden in Milliardenhöhe.

Beim Bundesverkehrsministerium hieß es auf Nachfrage lediglich, dass durch die Sperrung "ein erheblicher Schaden entstanden" sei. Man erwarte, dass der angepeilte Termin zur Wiederinbetriebnahme des Zugverkehrs eingehalten werde.

Währenddessen versuchen die Firmen und Verbände ihre Transporte auf das Wasser oder auf die Straße zu verlagern - was zu neuen Problemen führt: In Weil am Rhein (Kreis Lörrach) kommt es nach Polizeiangaben deshalb seit mehreren Tagen zu langen Staus. Am Umschlagbahnhof der Stadt komme man nicht mehr mit der Abfertigung der Güter aus Frankreich und der Schweiz nach. Am Donnerstag standen die Lastwagen auf der Autobahn 5 zeitweise auf fünf Kilometern Länge. Die Polizei empfahl Autofahrern, das Gebiet weiträumig zu umfahren.

Beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt registriert man erhebliche Probleme bei der Rohstoffversorgung und Belieferung der Kunden. Etwa die Hälfte der Transporte zu Verbandsmitgliedern werden seit Ende August auf Schiffe oder Lastwagen verlagert. "Es ist sogar schlimmer geworden", sagte die Leiterin des Verkehrbereiches beim Verband, Andrea Heid. Unternehmen würden nicht im gewünschten Maß mit Rohstoffen versorgt, weil die Transportkapazitäten erheblich eingeschränkt seien. Zum Teil komme es auch zu Totalausfällen.

mt mit dpa

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH