Samstag, 23. Juni 2018

Social Trading #Ausgeschwärmt

Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.
Andy Ridder für manager magazin
Viktor Dellos, #Etoro: Riesengewinne, aber keine persönlichen Äußerungen. Viele halten "Dellos" für einen Computer. Die Wahrheit ist noch schräger.

2. Teil: "Jeder könnte ein Trader sein"

Hunderte Millionen Euro haben Anleger bereits ins Social Trading investiert. Die Portale schwärmen von der Schwarmintelligenz ihrer Nutzer. "Wenn die Besucher auf dem Markt das Gewicht eines Ochsen schätzten, war der Durchschnitt der Schätzungen meist erstaunlich nah an der Wahrheit", sagt Robert Lempka (47), ehemals Trader bei Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen, der von Frankfurt aus die Plattform Ayondo leitet. Die Unternehmensberatung Horváth & Partners hat Ayondo in einer Studie als eines der zwölf heißesten Fintech-Start-ups identifiziert.

Auch der Wiener Wettbewerber Wikifolio will an das Geschäft der Banken. "Wir stehen vor einer radikalen Veränderung", verkündet Entwicklungschef Stefan Greunz (35) auf dem Hamburger Börsentag im vergangenen Oktober. "Muss man immer zur Hausbank? Kann man das in Zeiten von Facebook Börsen-Chart zeigen nicht auch schlauer machen? Gibt es da draußen nicht Leute, die es besser können?", fragte er. "Jeder von Ihnen" könne ein Trader sein, rief Greunz ins Publikum, das im Schnitt deutlich über 50 Jahre alt war.

Zu Wikifolios Vertriebspartnern gehört laut Greunz die Commerzbank-Tochter Comdirect. Die sparkasseneigene Onlinebank S-Broker habe sogar Sparpläne auf Wikifolio-Zertifikate aufgelegt. 75 Prozent seiner Trader schlügen den Markt, behauptet der Marketingmann stolz. Allerdings nur für den statistisch wenig aussagekräftigen Zweiwochenzeitraum vom 15. Juli bis zum 1. August 2014, wie die Fußnote seiner Präsentationsfolie verrät.

Mit solch selbst gestrickten Kurzfristbetrachtungen gibt sich Yoni Assia (33) nicht zufrieden, wenn er die Überlegenheit seines Geschäftsmodells beweisen will. Der Gründer des Branchenprimus Etoro ist nicht nur der Größte, sondern auch der Lauteste der Branche. Der Israeli führt gern akademische Autoritäten für sich ins Feld. "Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen wie von Professor Sandy Pentland vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder wie die von der Universität Bochum unterstreichen, dass Social Trading tatsächlich zu einer Verbesserung der Erträge führt", behauptete Assia in einem Interview.

Tatsächlich stehen viele interessante Details in den genannten Arbeiten, die Assia allerdings lieber nicht erwähnt. "Insgesamt verlieren die meisten Investoren bei Etoro ihr Investment", heißt es in der von Assia zitierten Studie des MIT von 2012. 84 Prozent der Kunden hätten zwischen August 2010 und Januar 2012 Geld verloren. Eine andere Untersuchung des MIT von Oktober 2014 bestätigte dieses Ergebnis für ein nicht namentlich genanntes Social-Trading-Netzwerk: "Ein großer Anteil von 85 Prozent der Trader sind Verlierer mit einem finalen Nettoverlust." Basis sind die Daten von 81.300 Tradern zwischen Juni 2010 und Oktober 2012.

Social Trader sollten die hohen Risiken mit einberechnen

Social Trading ist also weit davon entfernt, eine überlegene Alternative zu Banken, Fondsmanagern und Indexfonds zu sein. "Es ist für Anleger nicht möglich, vorher zu wissen, welche Trader im nächsten Jahr die besten sein werden", sagt Finanzwirtschaftler Sascha Neumann, der mit zwei Forschern eine Studie zum Thema verfasst hat, mit Daten von Etoro und Ayondo. Weil jeder mit einem Internetanschluss einfach lostraden könne, seien auf den Portalen relativ viele Scharlatane, vermutet Neumann. Das macht sie hochriskant.

Überlegen, wie Etoro-Gründer Assia behauptet, sind Kopierer, die sich an andere Händler hängen, nur verglichen mit selbstständigen Spekulanten bei Etoro. Social Trader sollten die hohen Risiken mit einberechnen, die sie eingehen, um hohe Renditen zu erzielen, warnt das MIT. Klar: Wer hohe zweistellige oder gar dreistellige Jahresrenditen anpeilt, muss davon ausgehen, dass ein Investment nicht vielleicht, sondern sehr wahrscheinlich auf Totalverlust hinausläuft.

Das gilt nicht zuletzt für den Etoro-Star Viktor Dellos. Obwohl sein Profil für Ende Oktober 1.243.220 Prozent (wohl ohne Abzug der Verluste aufaddierten) "Gewinn" auswies, hat er das Investment seiner Kopierer immer wieder vollständig vernichtet. Der maximale Wochenverlust beträgt mehr als 99 Prozent - egal welchen Zeitraum man betrachtet: 3, 6, 12, 24 oder 36 Monate. Kapitalvernichtung gehört bei ihm dazu.

© manager magazin 12/2014
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