Samstag, 18. August 2018

Gier, Sex und Geld Die Heuchler aus dem Silicon Valley

Silicon Valley: Scheinheilige Elite
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Instagram.com/zuck

Enthüllungen über Sexpartys und Diskriminierung erschüttern das Silicon Valley. Dabei sind sie nur ein weiterer Beleg dafür, dass hippe Gründer und Wall-Street-Banker sich kaum unterscheiden. Ein Abgesang.

Die folgende Geschichte stammt aus der März-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Wäre "Playboy"-Verleger Hugh Hefner noch am Leben, er hätte wohl seine Freude gehabt an den Szenen, die sich vergangenen Sommer in der Villa von Steve Jurvetson (50) abgespielt haben sollen. Der Mann war einmal eine bewunderte Größe im Silicon Valley, seine Firma DFJ - Draper Fisher Jurvetson - hat dabei geholfen, Start-ups wie Twitter, Skype, Tesla und Tumblr groß zu machen. Doch im Moment reden alle nur noch über dieses "Sex-Ding", das man vielleicht in Hefners Playboy Mansion erwartet hätte, aber nicht im Haus eines Wagniskapitaltycoons.

Die im Juni 2017 verschickten Einladungen versprechen eine "Party am Rande der Welt", als Ausklang des offiziellen DFJ-Jahrestreffens. Ein Shuttle bringt Mitarbeiter (darunter hochrangige Partner) sowie Topshots anderer Techfirmen zu Jurvetsons Haus. Das Wohnzimmer hat er mit weißen Kunstpelzen und Kissen auslegen lassen, auf denen sich die Gäste im Laufe des Abends rekeln: Sie fangen an, einander zu streicheln und miteinander zu kuscheln.

Ein Venture Capitalist, als Häschen verkleidet, soll einer der geladenen Frauen Ecstasy offeriert haben. "Damit wirst du dich entspannen und lieber berührt werden", lockt er. Tesla-Ikone Elon Musk ist gekommen, auch Jason Calacanis wird gesehen, einer der ersten Uber-Investoren. Was auffällt, ist die große Zahl junger Frauen. In den Einladungen sind die Erwartungen an die Gäste präzise umschrieben worden: Gewünscht waren "glamouröse (wörtlich "glamazon") Abenteurer, Safari-Chic und Dschungelvolk-Bekleidung".

Techmillionäre treffen sich zum Swingerfestival, ganz analog

Die Party endet dann als großes "cuddle puddle", so beschreibt es die Bloomberg-Journalistin Emily Chang in ihrem neuen Buch "Brotopia" (Kurzform von Brother und Utopia). Chang hat monatelang recherchiert, sie sprach mit jungen Frauen, die zu solchen Partys eingeladen waren, und mit Männern, die dabei waren. Die Schauplätze: großzügige Wohnanlagen in San Franciscos Pacific Heights; ein Château im Napa Valley; ein Anwesen am Strand von Malibu, ein Boot vor Ibiza. Die Gäste: Techmilliardäre, mächtige Wagniskapitalfinanziers, Topmanager der Internetkonzerne. Viele mit Ehefrauen. Je später der Abend, desto unumwundener steuerten die Feste wohl auf ihr Ziel zu: Sex. Zu zweit, zu dritt, mit Unbekannten. Swingerfestival, ganz analog.

Die von Chang interviewten Männer seien stolz auf ihren unkonventionellen Lebensstil, so die Autorin: "Sie halten sich für progressiv und offen." Selbst ernannte Draufgänger, die mit der gleichen Verwegenheit auch ihre Konzerne aufgebaut haben. Getreu dem alten Facebook-Motto "Move fast and break things".

Und die Frauen? "Wenn sie attraktiv, willig und jung sind, kommen sie den Mächtigen nahe und brauchen sich über ihren Lebenslauf und ihr Konto keine Sorgen mehr zu machen." Ansonsten haben sie in der Valley-Hierarchie kaum etwas zu melden. Changs Fazit: "Das ist erniedrigend."

Seit dem Vorabdruck einiger "Brotopia"-Passagen im US-Magazin "Vanity Fair" Anfang Januar bebt es rund um Palo Alto. Techcrunch, eine wichtige publizistische Stimme des Valleys, sah sich veranlasst, seine Klientel zu exkulpieren. Mary Lou Jepsen, CEO von Openwater und eine der wenigen hochrangigen Techfrauen, tweetete, sie habe keine Drogen und kein cuddle puddle gesehen, nur eine "großartige Party." Elon Musk ließ verbreiten, er habe das Ganze für eine "Firmenfeier mit einem Kostümthema" gehalten - und weiter nichts bemerkt.

Paul Biggar, Gründer der Softwarefirma CircleCI, bestätigte hingegen Changs Version. Steve Jurvetson war zum Zeitpunkt der Enthüllungen schon nicht mehr bei seiner Company an Bord. DFJ hatte ihn im vergangenen November vor die Tür gesetzt, nachdem ihm eine Gründerin via Facebook sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte.

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