Montag, 26. Juni 2017

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Porträt des umstrittenen Karstadt-Eigentümers Die Bändigung des René Benko

René Benko: Der Selfmademann
Fotos
DPA / Signa

Der Tiroler Selfmademan René Benko gründete sein Imperium auf zweifelhafte Bekannte. Inzwischen hat der Karstadt-Eigner seine Lektion gelernt.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 12/2016 des manager magazins, die Ende November erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Der Mann schuftet wie ein Besessener - sieben Tage wöchentlich von morgens um fünf Uhr bis nach Mitternacht. Kein Feierabend, kein Buch, kein Kino, kein Theater. Auch sonntags zu Hause schart er gern seine engsten Mitarbeiter um sich.

Ohne diesen Einsatz hätte René Benko (39) kaum in jungen Jahren aus dem Nichts ein Immobilienvermögen von sechs Milliarden Euro angehäuft, wäre nicht zu einem der größten europäischen Entwickler von Ladenimmobilien aufgestiegen. Projektvolumen derzeit: mehr als vier Milliarden Euro. Und er würde nicht 3,5 Milliarden Euro im Einzelhandel umsetzen.

Der in Innsbruck lebende Österreicher ist das Herz seiner Unternehmensgruppe Signa. Nach außen trägt er das Selbstbewusstsein eines Jungunternehmers zur Schau, dem (fast) alles, was er anpackt, zu gelingen scheint. Zugleich sucht der Aufsteiger stets die Anerkennung des Wirtschaftsadels.

Der Argwohn, der ihm entgegengebracht wurde, weil er sich mit zweifelhaften Geldgebern wie dem griechischen Reeder George Economou (63) und dem israelischen Diamantenschürfer Beny Steinmetz (60) eingelassen hatte, traf ihn schwer. Er empfand es als ungerecht, dass ihm immer wieder unterstellt wurde, er benutze Einzelhändler wie Karstadt nur als Vehikel, um an deren Immobilien zu kommen. Und es verletzte ihn, dass Metro-Chef Olaf Koch (46) sich gleich zweimal weigerte, ihm den Karstadt-Konkurrenten Galeria Kaufhof zu verkaufen, weil er Benko ganz offenbar für unseriös hielt.

Inzwischen hat der Selfmademan viele Zweifler und Nörgler zum Schweigen gebracht. Seine zeitweiligen Finanziers Economou und Steinmetz zahlte er aus. Auch das Engagement des Scheichtums Abu Dhabi hat er zurückgedrängt. Seit diesem November kontrolliert er die Signa Holding wieder fast allein, seine Familienstiftung stockte auf 90 Prozent auf. Benko will finanzielle Stärke zeigen.

Die Signa-Immobilien sind äußerst konservativ finanziert; darüber hinaus nimmt Signa keine Kredite in Anspruch. Alles wirkt handfest und bodenständig.

Benkos Bekenntnis zum Einzelhandel hingegen zweifeln manche immer noch an. Sie halten ihn für einen Immobilienjongleur mit angeschlossener Handelsabteilung. Dabei steckt er inzwischen viel Geld und Managementkraft in seine Retailsparte - zu viel für einen, der nur auf einen schnellen Euro aus wäre.

Die deutschen Premiumwarenhäuser KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger hat er gerade für einen dreistelligen Millionenbetrag umgebaut, ein weiteres Luxushaus will er bald in Wien errichten. Die lange Zeit als unsanierbar geltende Warenhauskette Karstadt macht unter seiner Ägide operativ wieder Gewinn. Das stationäre Geschäft stützt er ab durch die Akquisition von Onlineanbietern.

All das ist nicht das Ergebnis einer One-Man-Show. Benko, der öffentliche Auftritte auf das Unvermeidliche beschränkt, besitzt durchaus die Fähigkeit, Talente um sich zu scharen - Menschen, die begeisterungsfähig sind, seine Ideen exekutieren und die operative Arbeit für ihn erledigen.

So machte er vor Jahren einen ausgewiesenen Fachmann, den Chef der bundeseigenen österreichischen Immobiliengesellschaft, Christoph Stadlhuber (49), zum CEO der Signa Holding. Den einstigen Rewe-Manager Stephan Fanderl (53) ernannte er zum Chef von Karstadt - ein offenkundiger Glücksgriff (siehe letzter Teil).

Für seine drei Premiumwarenhäuser gewann er die italienisch-thailändische La-Rinascente-Gruppe als Partner - und mit ihr den Warenhausgranden Vittorio Radice (59; "Mr. Selfridge") als Chef.

Benkos jüngster Personalcoup ist die Verpflichtung von Dieter Berninghaus (51), der zuletzt für den Schweizer Handelsriesen Migros das Onlinegeschäft aufbaute, als Chairman der Signa Holding. Geplant ist künftig eine Arbeitsteilung: Berninghaus, langjähriger Vertrauter Benkos, soll von Zürich aus das Handelsgeschäft lenken. Dorthin, an Berninghaus' Wohnort, verlegt die Signa Retail ihren Sitz. Benko konzentriert sich mit Basis in seiner Heimatstadt Innsbruck auf die Immobilien.

Sie sind seine Leidenschaft, seit mehr als 20 Jahren. Als Pennäler arbeitete er für einen Bauträger. Das Gymnasium musste er mangels Präsenz abbrechen. Später baute er Dachböden von Mietskasernen zu Penthäusern aus. Ein Firmenerbe lieh ihm Geld, um das Geschäft auszuweiten. Auch ohne Abitur hatte Benko bald die erste Million zusammen. Es begann eine wilde Zeit: Jetset, Partys, Ferraris - der neureiche Twen schlug über die Stränge.

Als er erneut Kapital brauchte, stieg Economou als 50-Prozent-Eigner bei Signa ein. Unerquicklicher Begleiteffekt: Das undurchsichtige Finanzgebaren des griechischen Reeders fiel auch auf Benko zurück. Dennoch vertrauten ihm die Wiener Stadtväter die Entwicklung eines Gründerzeitviertels zu einer Shoppingmeile ("Goldenes Quartier") an. In Innsbruck errichtete er ein Traditionswarenhaus ("Kaufhaus Tyrol") von Grund auf neu.

Benkos Interesse am Einzelhandel war geweckt. 2011 kam eine erste Gelegenheit in Deutschland. Die Metro AG Börsen-Chart zeigen wollte ihre Tochter Galeria Kaufhof loswerden. Benko gab ein Gebot ab - inspiriert davon, dass im Jahr zuvor der Deutschamerikaner Nicolas Berggruen (55) den Konkurrenten Karstadt quasi geschenkt aus der Insolvenz übernommen hatte.

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