Freitag, 20. Oktober 2017

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Decathlon Der Sport-Aldi

Sporthandel: Decathlon und die Konkurrenz
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picture alliance / dpa

Auf seinem weltweiten Siegeszug schüttelt der Discounter jetzt auch den deutschen Sporthandel durch. Hinter der Kette steht eine der reichsten Familien Frankreichs.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 3/2017 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Es wäre maßlos untertrieben, die Einrichtung der Decathlon-Filiale in der Essener City "schlicht" zu nennen. Die Regale voller Fußbälle, Trainingshosen oder Golfschläger stehen auf Rollen. Die Bohrlöcher des Vormieters, Saturn, sind noch da, nur staubverstopft. Die Touchscreens, auf denen sich Kunden durchs Sortiment klicken können, ruhen auf Papppodesten, die Netzkabel baumeln von der Decke.

Das spröde Ambiente vermittelt den Eindruck, Decathlon schaue in Essen nur mal kurz vorbei. Aber der französische Sportartikelhändler ist gekommen, um zu bleiben. Decathlon will bald den deutschen Sportartikelhandel dominieren.

Das Rezept: gnadenloser Discount, riesiges Angebot. Von A wie Angelroute bis Z wie Zelte findet der Kunde alles für die Leibesertüchtigung. 35.000 Produkte für über 70 Sportarten bietet das Sortiment - und alles billig, billig, billig: atmungsaktive Leibchen für 4,99 Euro, Trekkingschuhe für 39,99 Euro, Damenskier für 179,99 Euro.

Daheim in Frankreich ist Decathlon mit mehr als 300 Filialen längst Marktführer. Italien (110 Läden), Spanien (133) und sogar China (176) haben die Franzosen ebenfalls erobert. In 27 weiteren Ländern sind sie gelandet. Mit einem Jahresumsatz von zuletzt 9,1 Milliarden Euro ist Decathlon nach Intersport der zweitgrößte Sportartikelhändler weltweit - und nebenbei der größte Fahrradhändler.

In Deutschland jedoch liefen die Franzosen lange Jahre hinterher. 1986 eröffneten sie einen Shop in Dortmund, die erste Auslandsfiliale überhaupt, aber so recht voran kamen sie nie. Vom Firmensitz bei Lille aus betrachtet erschien das Land hinterm Rhein als germanisches Dorf, das sich den Segnungen des Sportartikeldiscounts störrisch verweigert. Das ändert sich nun - und zwar schneller, als es dem Noch-Marktführer hierzulande, dem Fachhandel, lieb sein kann.

36 Filialen in Deutschland - und künftig jedes Jahr 10 dazu

Vor fünf Jahren hatte Decathlon gerade mal 18 deutsche Filialen, heute sind es 36. Zehn pro Jahr sollen künftig dazukommen. Deutschland-Chef Stéphane Montini traut sich auch in Großstädte wie München oder Hamburg. In Berlin ist er schon mit vier Läden vertreten. Den ersten in Köln sperrt er im März auf. Aachen, Augsburg, Münster, Oberhausen, Rostock, Wiesbaden und Wuppertal sollen bald hinzukommen. Ein zweites Logistikzentrum (32.400 Quadratmeter) eröffnet in Kürze in Dortmund.

Drei Faktoren verdankt Decathlon seine Tempoverschärfung. Erstens hat die maulfaule Handelskette - Fragen beantwortet die Geschäftsführung nur schriftlich - ihre Strategie umgekrempelt. Zweitens pflanzt die Digitalisierung selbst dem deutschen Sportler das Discountgen ein. Beides lässt, drittens, die größte Stärke von Decathlon erst richtig glänzen: die tat- und kapitalkräftige Eigentümerfamilie.

Décathlon heißt übersetzt Zehnkampf und verlangt Flexibilität. Dem eigenen Anspruch indes wurden die Franzosen lange nicht gerecht. Das daheim so erfolgreiche Modell der 5000 Quadratmeter großen Sportsupermärkte auf der grünen Wiese wurde einfach nur exportiert.

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