Donnerstag, 19. Juli 2018

Schifffahrt Die unheilvolle Allianz von Politik und Großreedern

Schifffahrt: Schiffe versenken
Fotos
Getty Images

Der Niedergang der Branche reißt Banken in die Tiefe und kostet die Steuerzahler Milliarden. Weitgehend schadlos davon kommen Großreeder und die Politik, die das Desaster überhaupt erst ermöglicht hat.

Der folgende Text ist eine leicht geänderte Version des mm-Reports aus der Dezemberausgabe 2017 des manager magazins, die Ende November erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Am ersten Freitag im November ließ es Deutschlands Schifffahrtsbranche krachen. Wie jedes Jahr begrüßte die Vereinigung Hamburger Schiffsmakler und -agenten 5000 überwiegend männliche Gäste aus aller Welt zum traditionellen Eisbeinessen. Tonnenweise gepökelte Haxen, Sauerkraut, Kartoffeln und Kasseler wurden in den Messehallen vernichtet, dazu Tausende Liter Bier und harte Schnäpse - Hamburgs fetteste Party ist nichts für Cholesterin-kranke. Und nichts für Moralisten: Rund um die Veranstaltung fahren Edelpuffs Zusatzschichten; aus Osteuropa reisen extra Prostituierte mit Bussen an.

Die frivole Stimmung steht im scharfen Kontrast zur Lage der Branche. Trotz hartnäckig lahmenden Welthandels werden eifrig Schiffe gebaut (siehe Grafik), entsprechend niedrig sind die Frachtraten. Die vielen Reederinsolvenzen, Schiffspleiten und den Bankenkrach hat sich die Branche selbst zuzuschreiben: Die Misere ist exemplarisch dafür, was passiert, wenn verblendete Politiker auf gierige Unternehmer und Banker treffen.

Überproduktion: Wachstum des Welthandels
manager magazin
Überproduktion: Wachstum des Welthandels

Das Elend und seine Folgen lassen sich an zwei Zahlen ablesen. Während fast alle Bundesländer Schulden tilgen, stiegen sie in Schleswig-Holstein zuletzt um 6,1 Prozent, in Hamburg sogar um 7,8 Prozent.

Der Anstieg hat einen singulären Grund: Die Bad Bank der HSH Nordbank hat Kreditschulden von 253 Schiffen verschiedener Reedereien übernommen - Schleswig-Holstein und Hamburg bürgen für den Finanzschrott, um die Restbank möglichst besenrein zu bekommen. Schließlich soll der früher weltweit größte Schiffsfinanzierer auf Druck der Europäischen Kommission veräußert werden.

Ab Mitte Januar soll es in die entscheidenden Gespräche mit Interessenten gehen, bis Februar muss der Verkauf abgeschlossen sein. So lange bleibt offen, ob die Nordbank von Finanzinvestoren übernommen oder doch noch abgewickelt wird.

Klar ist nur: Die HSH steht pars pro toto für den größten maritimen Irrsinn seit Kaiser Wilhelms Flottenpolitik. Die Folgen der Großmannssucht werden die Steuerzahler noch in Jahrzehnten spüren. Auf bis zu 16 Milliarden Euro könnte sich die Schlussrechnung belaufen.

Ein Kollektivversagen, das in die Geschichtsbücher der deutschen Bankenindustrie eingehen wird - und reich ist an Dekadenz, Dummheit und Undankbarkeit.

© manager magazin 12/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH