Mittwoch, 22. November 2017

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Supermacht des Mittleren Ostens Wie ein junger Prinz Saudi-Arabiens Geschäftsmodell revolutioniert

Saudi-Arabien: Wüstensohn und CEO
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REUTERS

Die Autofahrerlaubnis für Frauen ist nur der populäre Gipfel. Mit einem brutalen Reformprogramm will der junge Prinz Mohammed Bin Salman den Wüstenstaat retten und zum arabischen Powerhouse umbauen. Ein Inside-Report.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 7/2017 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ziyad Al Ashaikh war bis vor Kurzem noch ein Schwergewicht. Über 180 Kilo brachte der Chef der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen in Saudi-Arabien auf die Waage. Jetzt sitzt er schlank und rank auf einem beigefarbenen Ledersofa im Konferenzzimmer der Bank in Riad, schlürft Tee und sagt stolz: "Durch Diät und Sport bin ich bei 86 Kilo." Eine harte Zeit sei das für ihn gewesen, doch: "No pain, no gain".

Die Tortur, die Al Ashaikh hinter sich hat, steht seinem Land noch bevor: "Auch Saudi-Arabien muss eine Diät machen", sagt er. Weg vom Öl, hin zu einer Wirtschaft, die auf mehreren Säulen steht. Weg von einem Staat, der seine Bürger aushält, hin zu einer leistungsbereiten, sozialen Gesellschaft. Weg vom fundamentalistischen, hin zu einem offeneren Islam. Weg von der Dominanz der Männer, hin zur Einbeziehung der Frauen. Weg von der Gerontokratie, hin zur Macht der Jungen.

Der Architekt dieses Umbaus zählt selbst noch zum Nachwuchs: Prinz Mohammed Bin Salman (eine Frau, vier Kinder) ist gerade mal 31 Jahre alt. MBS, wie der Adelsspross kurz genannt wird, ist der Sohn des gesundheitlich angeschlagenen Königs Salman (81). Seit Januar 2015 im Amt, vereint er eine beispiellose Machtfülle auf sich. Er führt das Verteidigungsministerium sowie den vom König geschaffenen Council of Economic and Development Affairs (CEDA), das heißt: Er kontrolliert das Ölmonopol sowie den nationalen Investmentfonds.

Der Kronprinz ist angetreten, sein Reich zu retten. Einerseits. Zugleich will er es stärker und einflussreicher machen, als es je war - politisch und vor allem ökonomisch.

Der Einbruch des Ölpreises hat das einst märchenhaft reiche Saudi-Arabien in eine existenzielle Krise gestürzt. 90 Prozent der Staatseinnahmen hängen an Öl und Gas, sie haben den aufgeblähten Staatsapparat finanziert sowie die vielen Wohltaten für das 33-Millionen-Volk.

Nun, da sich die Einnahmen halbiert haben, ist dieses Schlaraffenland nicht mehr bezahlbar. Der Haushalt wies 2016 ein Defizit von 78 Milliarden Dollar aus (2015: 98 Milliarden), die Währungsreserven - immer noch knapp 500 Milliarden Dollar - schwinden.

Dem Kronprinzen, der islamisches Recht studiert hat, war klar, dass er auf eine Staatspleite zutrieb. Er ließ einen Masterplan entwickeln, der einen radikalen Neuanfang vorsieht - als moderner, aufgeklärter Weltaktionär und Superinvestor. In 20 Jahren will der Wüstensohn vom Öl unabhängig sein, neue, private Firmen angesiedelt haben. Dazu soll jetzt das wertvollste Asset des Landes, der staatliche Ölgigant Saudi Aramco, Schritt für Schritt verkauft werden.

Die Chance, dass Prinz Salmans kühner Plan aufgeht, ist groß. Denn das Projekt ist gut vorbereitet und wird flankiert von anderen Reformern sowie einem offen zur Schau gestellten politischen Machtanspruch in der Region. Die Brutalität, mit der der Prinz das Scheichtum Katar unter dem Vorwand der Terrorfinanzierung abriegelt, isoliert und schädigt, soll auch seine Feinde daheim einschüchtern. "Mr Everything", wie er von Diplomaten genannt wird, will aus seinem Wüstenreich das arabische Powerhouse machen. Dafür riskiert er sogar einen Waffengang mit dem Iran. Denn er kann keine Rivalen gebrauchen, weder innen noch außen.

Über Jahre hat Prinz Salman den Umbau des Staatsapparats vorbereitet, dabei hat er viele Saudis vor den Kopf gestoßen. Die Kappung der hohen Subventionen auf Wasser, Benzin und Strom hat bei Twitter für viel Empörung gesorgt, nächstes Jahr folgt die Einführung einer 5-prozentigen Mehrwertsteuer. Selbst mit seinem Onkel, dem 2015 verstorbenen König Abdullah, geriet er heftig aneinander.

Saudi-Arabien im Auto - jetzt auch bald für Frauen:

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Bild: REUTERS

SaudiaDoch Widerstand stachelt MBS nur weiter an. Hundertschaften von Consultants, vor allem von McKinsey und BCG, haben das Projekt begleitet. Jeden Sonntagmorgen fliegen sie zu Beginn der saudischen Arbeitswoche aus Dubai ein und am Donnerstagnachmittag wieder dorthin zurück. Ryan Alnesayan ist einer dieser Pendler. Er ist Partner bei der Beratung ADL, die rund 50 Leute in Riad stationiert hat. Kurz vor seinem Rückflug nach Dubai sitzt Alnesayan in einem der schicken "Bateel"-Cafés bei Espresso und einer Flasche Perrier und plaudert aus dem Innenleben der Macht.

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