Sonntag, 22. Oktober 2017

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Rosneft: Putins schärfste Wirtschaftswaffe Schulden und Sühne

Rosneft: Unternehmen, Zahlen, Entwicklung
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REUTERS

Der weltgrößte Ölförderer ist Putins schärfste Waffe gegen die Sanktionen des Westens.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 12/2016 des manager magazins, die Ende November erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Das Palais Behrens, ein schmucker Büroneubau, befindet sich im Zentrum der Macht. An der Behrenstraße, der "heimlichen Hauptstraße" Berlins, wie der Projektentwickler das Objekt bewirbt. In Numero 18 hat sich seit November Russlands Ölriese Rosneft Börsen-Chart zeigen auf zwei Etagen eingemietet, um von dort seinen Deutschland-Geschäften nachzugehen.

Drei bis vier Steinwürfe entfernt, Unter den Linden: die russische Botschaft. Die Diplomaten der USA und Großbritanniens sind nah. Ach ja, die bayerische Vertretung domiziliert nur zwei Häuser weiter.

Wie es drinnen in Nummer 18 aussieht? Ein junger Mann mit Dreitagebart richtet dem Besucher aus, dass Rosneft Deutschland keinerlei Auskünfte erteilt, verweist auf die Zentrale. Auch Moskau antwortet bis Mitte November nicht auf Fragen von manager magazin.

Auf das Diskrete, das Wirken im Verborgenen versteht man sich beim weltgrößten Erdölförderer, dessen Chef Igor Setschin (56) gern Machiavelli zitiert ("Die Kraft der Macht besteht im Geheimnis"). Der Konzern ist ein Mysterium, mit allen Wolga-Wassern gewaschen, vor allem aber für Russlands Präsident Wladimir Putin (64) die schärfste Waffe im industriellen Komplex der Post-Sowjet-Ära. Rosneft sichert - als größter Steuerzahler - den Staatshaushalt und hat den weltgrößten Gasbetrieb Gazprom Börsen-Chart zeigen als Herrschaftsinstrument abgelöst. Und Rosneft expandiert getreu den putinschen Vorgaben im Ausland, derzeit bevorzugt in Asien.

Der Gigant fördert - Ölpreisverfall und Rezession zum Trotz - so viel wie noch nie. Trickreich umgeht er die westlichen Sanktionen. Der schillernde Vorstandschef, für manchen Kreml-Astrologen Russlands zweitmächtigster Mann, hat für Putin den Konzern quasi aus dem Nichts zusammengebaut und -geklaubt. Die Verdopplung der Staatsquote an der Wirtschaftsleistung auf 70 Prozent (seit 2005) geht auch auf Setschins Konto. Die Ränke bei Hofe hat er perfektioniert, gilt vielen als eine Art Rasputin 4.0; Widersacher schaltet er nach Belieben aus.

Kurz, an Rosneft lässt sich sehr fein studieren, wie Machtwirtschaft in Russland funktioniert.

Vor zwölf Jahren war das Unternehmen noch eine Allerweltsfirma, kaum der Reserven-Rede wert. Bis Putin sie zum Kern seiner Strategie erkor, die Öl- und Gasindustrie unter staatliche Kontrolle zu bekommen und sie den gierigen Oligarchen zu entreißen. "Rosneft war ausersehen, Russlands Stellung als Energiemacht zu festigen", sagt Kreml-Kenner Alexander Rahr, Forschungsdirektor des Deutsch-Russischen Forums.

Wer bockte, wurde so lange unter Druck gesetzt, bis er sich fügte oder fügen musste. Ohnehin ist Setschin ob seiner Physiognomie - runder, fleischiger Kopf, kräftiger Nacken - prädestiniert fürs Brachiale.

Bei der Zerschlagung des YukosÖlkonzerns 2004 soll er entscheidend mitgewirkt haben. Der gehörte dem Regierungskritiker Michail Chodorkowski (53), der ins Straflager musste. Geholfen haben dabei womöglich familiäre Bande: Der Sohn des damaligen Generalstaatsanwalts hat Setschins Tochter geheiratet. Der wies jegliche Verstrickung in die Affäre als "Mythos" zurück.

Rosneft durfte die lukrativsten Yukos-Trümmer zusammenkehren, der erste Werst-Stein auf dem Weg zum Weltkonzern war erreicht. Im Oktober 2012 folgte der nächste.

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