Montag, 27. Juni 2016

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Preisverfall bei Öl & Co Der nächste Flächenbrand - die Folgen des Crashs

Rohstoffe: Anlegern droht ein heißer Ritt
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Der Preisverfall der wichtigsten Rohstoffe birgt ein systemisches Risiko für die Weltkonjunktur. Anleger müssen sich auf ein hochkomplexes Börsenszenario einstellen, wie manager magazin in einem ausführlichen Report im Februar beschrieb.

Als Gerd Henning Beck die Stadt Denver auf dem Highway hinter sich ließ, blickte er plötzlich auf eine gespenstische Szenerie: Die Sonne war längst untergegangen, doch die Prärie von Colorado war hell erleuchtet. "Das rote Flackern am Horizont sah aus wie ein Sonnenaufgang", erinnert sich Fondsmanager Beck. Der deutsche Rohstoffexperte hatte einen langen Flug hinter sich und wollte eigentlich nur ans Ziel kommen, am nächsten Morgen hatte er schon früh den ersten Termin. Doch das rote Leuchten ließ ihm keine Ruhe.

Also stoppte er an einem Diner und wollte wissen, woher das gespenstische Licht komme. "Das sind die Fracker", bekam er zur Antwort, als sei dies das Normalste der Welt. Die US-Energieindustrie hat in den vergangenen Jahren Abertausende von Schieferöl- und Schiefergasvorkommen erschlossen und ist in einen wahren Förderrausch verfallen. Jetzt, da die Preise um mehr als zwei Drittel eingebrochen sind, fackeln viele Türme das Gas einfach ab, der Transport in die nächstgelegene Raffinerie lohnt nicht mehr.

Gasfackeln von Colorado als perverses Menetekel

Es werde Licht! Die Gasfackeln von Colorado sind das vielleicht perverseste Menetekel dessen, was von den Rohstoffmärkten noch droht: Im vergangenen Jahr hat sich der Ölpreis fast halbiert, im Januar kollabierte er weiter und sank zeitweise unter 30 Dollar pro Barrel.

Doch nicht nur der Ölmarkt crasht, auch andere Rohstoffpreise sind im freien Fall: Industriemetalle wie Aluminium, Kupfer Börsen-Chart zeigen, Nickel Börsen-Chart zeigen und Zink Börsen-Chart zeigen haben seit ihrem Hoch im Februar 2011 mehr als die Hälfte ihres Werts eingebüßt, Eisenerz hat sogar fast 80 Prozent verloren. Insgesamt ist der Bloomberg-Index der 22 wichtigsten Rohstoffe allein 2015 um ein Viertel zusammengeschmolzen.

Und der Kollaps beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die Finanzmärkte. Er hat das Zeug, die nächste große Rezession einzuläuten, so wie vor neun Jahren das US-Hauspreisdebakel die Weltwirtschaft erschütterte. Denn wieder einmal haben die Notenbanken die Märkte mit billigem Geld vollgepumpt, wieder einmal sind Investoren auf der Jagd nach dem letzten bisschen Rendite große Risiken eingegangen. Und wieder einmal sind die Banken mittendrin, trifft sie der Schock unvorbereitet. Denn der Preisverfall kam ohne Vorwarnung: Noch vor einem Jahr, als der Absturz bereits begonnen hatte, sagten die bei Bloomberg erfassten Analysten für Ende 2015 einen Ölpreis von 70 Dollar voraus.

Es sind vor allem die Sorgen um Chinas Wachstum, die den Rohstoffcrash beschleunigen und auch im Dax für heftige Erschütterungen sorgen. Insbesondere die Kurse der Grundstoffkonzerne ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen, BASF Börsen-Chart zeigen, Linde Börsen-Chart zeigen sowie Kali und Salz Börsen-Chart zeigen bröseln. Beim Stromerzeuger RWE Börsen-Chart zeigen nagt nicht mehr nur der Atomausstieg am Börsenwert, sondern auch der Preisverfall bei den hauseigenen Kohlevorkommen.

Die Turbulenzen veranlassten Hedgefondsguru George Soros unlängst zu einem Alarmruf: Die Szenerie erinnere ihn an die Krise von 2008. Und Deutschlands Investmentlegende Klaus Kaldemorgen warnt, dass vom Rohstoffmarkt "ein systemisches Risiko" ausgehen könne. "Das macht mir große Sorgen." Zumal aufgrund der angespannten Konjunktur in den Schwellenländern derzeit niemand an eine Erholung glaubt.

Die Preise für Roh- und Grundstoffe werden teils "auf Jahre hinaus" niedrig bleiben, prognostiziert das Handelshaus Trafigura, einer der größten Akteure auf dem Öl- und Metallmarkt. Ein Grund ist die rapide Ausweitung des Angebots: In den letzten Jahren wurden rund um den Globus unzählige neue Minen und Bohrtürme in Betrieb genommen, nicht nur in Colorado. Ob bei Öl, Kupfer, Zink, Nickel oder Stahl - überall wurde just zu dem Zeitpunkt, als China anfing zu schwächeln, aus Knappheit ein Überangebot.

Die Folge: Weltweit kämpfen Rohstoffkonzerne und Stahlhersteller nun ums Überleben. Das wird bei all jenen Banken, die Milliarden an die Rohstoffindustrie verliehen haben, noch wüste Krater in der Bilanz hinterlassen, auf die Investitionsbereitschaft drücken und so das Wachstum untergraben.

Anleger müssen sich auf ein hochkomplexes Börsenszenario einstellen und genau abwägen, welche Assetklassen, welche Branchen und welche Regionen bei einer solch toxischen Gemengelage noch Kurs- und Gewinnpotenzial bieten.

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