Mittwoch, 12. Dezember 2018

Deutscher Selfmademilliardär Heinz Hermann Thiele - der Unerbittliche

Selfmademilliardär: Heinz Hermann Thiele
Dieter Mayr für manager magazin

Arm aufgewachsen, gehört Heinz Hermann Thiele längst zu den reichsten Deutschen. Knorr-Bremse ist sein Lebenswerk, bei Vossloh hat er sich die Macht erkämpft. "Nur ein Verrückter tut sich das an", sagt er und lächelt selbstzufrieden.

Heinz Hermann Thiele kommt meistens allein. Denn eigentlich, sagt er, kann er sich hauptsächlich auf sich selbst verlassen. So ist es auch 2011, als er mit den Alteigentümern des Bahnspezialisten Vossloh Börsen-Chart zeigen verhandelt. Er möchte den sauerländischen Konzern dominieren, die Firmenerben halten über 30 Prozent der Anteile. Man redet miteinander, geheim, immer und immer wieder.

Der vielköpfige Clan entsendet bis zu ein halbes Dutzend Mitglieder; ihnen gegenüber sitzt ein einzelner Mann im Rentenalter. Mal nachdenklich, mal visionär, immer bestimmt. Am Ende wird der einsame Angreifer als Sieger vom Platz gehen.

Heinz Hermann Thiele braucht keine Entourage; er ist ein Selfmademilliardär, einer der ganz wenigen in Deutschland.

Er hat vor rund 30 Jahren die marode Knorr-Bremse übernommen und zum Weltmarktführer für Zug- und Lkw-Bremssysteme aufgebaut. Das Unternehmen ist heute so profitabel wie Porsche Börsen-Chart zeigen, geschätzt neun Milliarden Euro wert - und doch nur ein Teil seines Imperiums.

Zu Thieles Reich gehört inzwischen auch ein knappes Drittel von Vossloh - das Unternehmen hat immerhin einen Börsenwert von 760 Millionen Euro. Da stellen sich natürlich Fragen. Wollen Sie den börsennotierten Konzern komplett kaufen? Werden Vossloh und Knorr am Ende sogar fusionieren, Herr Thiele?

"Ich muss doch nicht jedem erzählen, was ich vorhabe", blafft er. "Solange meine Pläne mit den gesetzlichen Vorschriften kompatibel sind, bin ich nicht rechenschaftspflichtig."

Als extrem misstrauisch beschreiben ihn Wohlgesinnte, als undurchschaubar und durchtrieben seine Kritiker. Den Gescholtenen fuchsen solche Attribute. Lange hat er geschwiegen, die häufig negativen Berichte ignoriert. Jetzt will er zeigen, wie er wirklich tickt.

Also lädt er an einem Frühlingstag in sein weitläufiges, mit hellem Seidenteppich und schwarzer Sitzgarnitur ausstaffiertes Büro in der ersten Etage der Münchener Knorr-Zentrale. Knapp fünf Stunden lehnt der massige Mann in einem Fauteuil und erzählt: Warum ihn seine Führungskräfte hin und wieder fuchsteufelswild machen. ("Ich kann es nicht ausstehen, wenn es Schwachstellen gibt.") Warum er nicht mit einem smarten iPhone telefoniert, sondern mit einem schlichten Nokia Börsen-Chart zeigen. ("Ich bin selber smart.") Warum seine beiden Kinder den größten Teil seines Reichs besitzen, er aber das Sagen hat. ("Solange ich aktiv bin, bleibt die Stimmenmehrheit bei mir.")

Einige Wochen nach dem Gespräch wird Thiele bekannt geben, dass sein Sohn Henrik (47), der eigentlich Anfang Juli zum Knorr-Vorstand aufsteigen sollte, Knall auf Fall aus dem Unternehmen ausscheidet. Um es freundlich zu sagen: Es hat Differenzen zwischen Vater und Sohn gegeben.

So ist er eben, dieser Heinz Hermann Thiele: Ein Unerbittlicher, gnadenlos seinen Mitarbeitern und selbst Familienmitgliedern gegenüber. Ein Besessener, der immerfort in der Angst vorm Scheitern lebt. "Thiele gibt nie auf", erklärt ihn ein Weggefährte. Wo andere längst die Waffen strecken würden, kämpft er weiter. "Nur ein Verrückter tut sich das an", sagt Thiele, und dabei huscht ein selbstzufriedenes Lächeln über sein Gesicht.

74 Jahre alt ist er mittlerweile. Und kennt doch kein Halten. Der Wunsch, sein Vermögen zu mehren, kann der Antrieb allein nicht sein. Seine Familie besitzt schätzungsweise fast zehn Milliarden Euro, gehört zu den reichsten Deutschen. Was also ist es dann? Die schiere Sucht nach Erfolg und Anerkennung?

Wer dem Phänomen Thiele nachspürt, muss einen Blick auf seine Kindheit und Jugend werfen. Als Vierjähriger flieht er im Zweiten Weltkrieg mit der Mutter und den beiden Geschwistern über endlose Landstraßen. "Damals habe ich gelernt, in harten Zeiten zu überleben", sagt Thiele.

Die Familie baut sich in Westdeutschland eine neue Existenz auf. Das Geld reicht gerade für den Alltag. Tennisstunden für Heinz Hermann? Zu teuer. Der Junge tritt stattdessen in den Turnverein ein, geht zu den Leichtathleten. Da beträgt die Monatsgebühr nur 1,50 Mark. Wenn schon kein Ass auf dem Court, dann wenigstens einer der Schnellsten: Thiele sprintet 100 Meter in 10,8 Sekunden.

Egal was Thiele auch anfängt, stets will er aus der Masse hervorstechen. Beim Wehrdienst bringt er es bis zum Leutnant, führt später als Oberleutnant der Reserve eine 150-köpfige Panzerkompanie an.

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