Montag, 25. September 2017

Deutscher Selfmademilliardär Heinz Hermann Thiele - der Unerbittliche

Selfmademilliardär: Heinz Hermann Thiele
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Dieter Mayr für manager magazin

2. Teil: "Vorsicht an der Bahnsteigkante"

Thiele hätte am liebsten Ingenieurwissenschaften studiert. Aber der Vater legt sich quer, denn der Filius soll einmal seine Anwaltskanzlei weiterführen. Thiele fügt sich, absolviert beide Staatsexamen - und wird später bei Knorr, wo er mit 28 einsteigt, zum Technikexperten. Der Jurist kennt jede Schraube. "Vorsicht an der Bahnsteigkante", warnen seine Manager vor den Diskussionen mit dem Chef.

Die Firma wird in Thieles Anfangsjahren von zwei Nachkommen des Knorr-Gründers geleitet. Den beiden gehören jeweils 48 Prozent - und sie blockieren sich so sehr, dass Knorr ins Schlingern gerät.

Nach längerem Wirrwarr scheiden beide Hauptgesellschafter aus der Geschäftsführung aus, Thiele wird 1984 Knorr-Chef. Mittlerweile haben beide Knorr-Erben das Interesse am Unternehmen verloren. Thiele soll einen Käufer suchen, aber keiner macht ein attraktives Angebot. Also beschließt Thiele, die Firma selbst zu erwerben. Alfred Herrhausen, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen, sichert ihm Unterstützung zu. Gleichwohl ist es für Thiele ein nahezu selbstmörderisches Unterfangen, schließlich hat er "nichts außer einem nicht abbezahlten Haus". Obendrein weiß keiner, ob Knorr überhaupt saniert werden kann.

Ab 1989 ist Thiele Alleineigentümer; er wandelt Knorr in eine Aktiengesellschaft um. Thiele reist 180 Tage im Jahr durch die Welt, lebt nur für die Firma. Die Ehe scheitert, die Gesundheit leidet. "Die Aufgabe hat mich fast umgebracht", sagt er.

Doch er gibt nicht auf. Viele in seiner Umgebung, so nimmt er es wahr, warten nur auf seine Niederlage. Den Gefallen will er ihnen nicht tun. "Dann hätte keiner mehr ein Stück Brot von mir genommen."

Gleich nach der Übernahme signalisiert Thiele, dass nur er die Weichen stellt: Ein Beratungshaus prüft das Geschäftsmodell von Knorr. Die Consultants, vom Aufsichtsrat ins Haus geholt, empfehlen die Konzentration auf Industriepneumatik, darin stecke mehr Potenzial als in Bremsen. Die Kontrolleure heißen den Vorschlag gut, Thiele nicht. "Ich bin hier der Unternehmer", sagt er. Er investiert in Bremstechnologie; alle anderen Bereiche werden verkauft. Auch die Pneumatik.

Viele warteten nur auf seine Niederlage

Anfang der 90er Jahre greift Thiele nach dem US-Bremsenspezialisten Bendix. 2002 gehört ihm das Unternehmen ganz; er bezahlt dafür insgesamt knapp 500 Millionen Dollar. Um das Geld aufzubringen, parkt er einen Gutteil der Anteile bei der finanzierenden Bank, sichert dem Institut eine Garantiedividende zu. Thiele will Tempo, ihm gilt Bendix als Eintrittskarte für den schwierigen Lkw-Markt in den Vereinigten Staaten. Heute ist Knorr in den USA unangefochtener Marktführer.

Überall stärkt Thiele seine Position durch zahlreiche Übernahmen und eine frühzeitige Globalisierung. "Ohne Vertrieb, Fertigung und Forschung im Ausland wären wir in Deutschland mausetot", sagt er. Allein in China beschäftigt Knorr rund 5000 Mitarbeiter, lässt 60 Prozent der dort verkauften Teile vor Ort fertigen.

Den ersten großen Vertrag in China schließt Thiele schon 1989 ab. Knorr liefert die Bremsen für die U-Bahn in Shanghai. Seither reist er jedes Jahr dorthin, wundert sich anfangs, dass die Gesprächspartner beim Essen zielspucken. Aber egal, es kommen gewaltige Aufträge herein.

Die Kunden bestellen, weil Thiele beste Technik bietet. Fast 300 Millionen Euro steckt er 2014 in Forschung und Entwicklung. 5,7 Prozent des Umsatzes sind das, mehr als bei den meisten Konkurrenten. So investiert Thiele etwa rund 100 Millionen Euro in die Matrossow-Bremse. Das nur in Russland eingesetzte Loksystem ist aus seiner Sicht der Schlüssel zu einem Riesenmarkt, von Polen bis zum Pazifik. Thiele mag die Russen und schimpft über die Sanktionen gegen das Land.

Rund 60 Prozent seines Bahnumsatzes wird er in Russland 2015 verlieren. Gut, dass es noch die Trucks gibt. Die ungewöhnliche Kombination aus Schiene und Straße hilft in solchen Situationen. So schreibt Knorr selbst im Krisenjahr 2009 Gewinn, das wegbrechende Lkw-Geschäft kompensieren die Bahngesellschaften.

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