Montag, 11. Dezember 2017

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Der Mann, der Adidas war Herbert Hainer: Erfolg durch langen Atem und rechtzeitigen Tempowechsel

Dirk Bruniecki für manager maga

Als Spielführer von Adidas bewies er, dass auch deutsche Konsumgütermarken Weltklasse sein können. Herbert Hainer hat Adidas auf Tuchfühlung zum Erzrivalen Nike geführt. Deswegen beruft das manager magazin ihn in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft. Ein Porträt.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 7/2017 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Als Herbert Hainer im März 2001 Chef von Adidas wird, sieht er ein wenig aus wie seine Firma: sehr deutsch und alles andere als cool. Eine eckige Brille und ein trapezförmiger Schnäuzer dominieren sein Gesicht, Anzug und Krawatte sind gesetzt. Und dann erst der bayerische Einschlag im Englischen, der Muttersprache seiner Branche.

Zu den Produkten seines Hauses, all den Sneakers, Shirts, Skiern oder Schlägern, scheint der neue Spitzenmann ebenso wenig passen zu wollen wie zu den prominenten Markenträgern, schillernden Showsportlern wie dem Fußballer David Beckham, der Tennisspielerin Anna Kournikova oder dem Basketballer Kobe Bryant.

Was für ein Gegensatz zu Hainers Vorgänger Robert Louis-Dreyfus! Der Franzose mit dem Wuschelkopf war 1993 bei Adidas eingestiegen, hatte den taumelnden Konzern gerettet, 1995 an die Börse geführt und dabei Kasse gemacht. Er war als Vorstandschef Weltklasse im Bezirzen von Kunden aller Art und dehnte für einen guten Deal die Regeln des Statthaften wie ein Stretching-Gummi. Seine Rolle bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland harrt nach wie vor der Aufklärung. "RLD" war der flirrendste Star im fränkischen Herzogenaurach seit der Gründung der "Gebrüder Dassler Schuhfabrik" 1924.

Die Begeisterung bei Mitarbeitern und Aktionären über den neuen Adidas-Chef hielt sich also zunächst in Grenzen.

Als Hainer (62) 15 Jahre und sieben Monate später, im Oktober 2016, zu seinem Abschiedsspiel ins Adi-Dassler-Stadion zu Herzogenaurach einläuft, ist er derjenige deutsche Manager, der sich am längsten auf dem Chefposten eines Dax-Konzerns gehalten hat. Die Seinen feiern ihn wie einen Star. Der drahtige Oberkörper steckt in einem schwarzen Leibchen mit Rückennummer 10, auf der Brust prangt "Danke Adidas" - die gegnerische Elf läuft mit "Danke Herbert" auf.

Wegen einer gebrochenen Schulter einen Arm in einer Schlinge wie einst "Kaiser" Franz im "Jahrhundertspiel" gegen Italien bei der WM 1970 (3:4 n.V.), verwandelt Hainer gegen Ende des Spiels routiniert einen Elfmeter, mit rechts in die rechte untere Ecke. Endstand: 4:2 für Herberts Elf.

Ungleich wichtiger sind die Zahlen seiner persönlichen Adidas-Bilanz: Den Umsatz hat er von 6,1 Milliarden Euro anno 2000 auf 19,3 Milliarden mehr als verdreifacht, den Börsenwert von 3 Milliarden Euro auf 35,7 Milliarden fast verzwölffacht. Der Gewinn in seinem letzten Geschäftsjahr betrug eine Milliarde Euro - fünfmal so viel wie 2001.

Zwar hat Hainer sein wichtigstes und ambitioniertestes Ziel nicht erreicht: Weltmarktführer Nike einzuholen. Aber er hat aus den drei Streifen eine weltweit begehrte, kräftig wachsende Konsumgütermarke gemacht und so gezeigt, dass das Land der Autos und Maschinen auch etwas vom Lifestyle der Jungen und Junggebliebenen von New York bis Peking versteht.

Herbert Hainer hat bewiesen: Die Deutschland AG kann auch cool.

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