Dienstag, 23. Oktober 2018

Pfeifer & Langen So organisiert die größte Zucker-Sippe Deutschlands ihre Geschäfte

Pfeifer & Langen: Streuverluste
Marina Rosa Weigl für manager magazin

Die rheinische Süß-und-salzig-Dynastie gehört zu den reichsten und verschwiegensten Clans im Land. Nun steht die Sippe vor ihrer größten Herausforderung - die eigene Behäbigkeit zu besiegen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Januar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Jahrzehntelang, immer pünktlich zu Weihnachten, zahlte der rheinische Zuckerkonzern Pfeifer & Langen (P & L) seinen etwa 1300 Betriebsrentnern eine Gratifikation von je 105 Euro. Per Post gab es noch ein Marzipantörtchen mit Firmenlogo dazu - als Dank für treue Dienste.

So nett das auch war, es wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, so wie der ganze süße Konzern. Wohlig eingerichtet in einem Quasimonopol, ging der Clan der Pfeifers und Langens jahrein, jahraus seinen Geschäften nach. Anstrengendes wie Konkurrenz, Weltmarktpreise oder moderne Betriebsabläufe - kannte man nicht. Einzig das Auf und Ab des Wetters und dessen Einfluss auf das Wachstum der Gemeinen Rübe, aus der P & L seinen Zucker kocht, sorgten mal für leicht erhöhten Puls.

Das ist heute anders. Bei einer der größten und vielleicht unbekanntesten Unternehmersippen des Landes lösen sich die Gewinne auf wie Zucker im Kaffee. Im Inlandsgeschäft, wo der Konzern früher astronomische Renditen einfuhr, soll P & L gar rote Zahlen schreiben. Gründe sind eine gepfefferte Kartellbuße, die Liberalisierung des Zuckermarktes und, nicht zuletzt, die eigene Behäbigkeit. Nun scheint alles denkbar - bis hin zum Verkauf.

Wer von den Pfeifers und Langens kaum je gehört hat, der muss sich nicht grämen: Sie wollen es so. In knapp 150 Jahren haben die Nachfahren von Emil Pfeifer (1806 bis 1889) und Eugen Langen (1833 bis 1895) ein Firmenreich mit fast fünf Milliarden Euro Umsatz geschaffen. Sie dürfen sich in eine Reihe stellen mit Unternehmerclans wie den Haniels, Werhahns oder Mieles.

Viele der bekanntesten Marken im Süß-und-salzig-Regal der Supermärkte gehören ganz oder teilweise den Pfeifers und Langens: Funny-frisch, Chio, Ültje, Pom-Bär, Fritt, Goldfischli, Schogetten, Edle Tropfen. Dazu natürlich Zucker der Marke Diamant, weiß oder braun, als Würfel, Kandis oder Puder, oder aufgelöst in Cola, Keksen oder Gummibärchen. Das P & L-Logo mit den zwei blauen Zuckerhüten, eine Hommage an den Dom im heimatlichen Köln, hat sich in fast 100 Jahren kaum verändert - nur dass bis in die 70er Jahre hinein noch "Pfeifer & Langen" drunterstand. Seither ist der Clan noch ein Stück diskreter geworden.

Alles begann mit einem Genius. Eugen Langen, hineingeboren in eine gut situierte Unternehmerfamilie, reüssierte gleich in mehreren Branchen. Als Erfinder trieb der Ingenieur Maschinenbau und Zuckerproduktion voran. Als Finanzier schleppte er - gemeinsam mit Emil Pfeifer - den Tüftler Nikolaus Otto (1832 bis 1891) durch, bis man gemeinsam den Motorenbauer Deutz Börsen-Chart zeigen gründete, der heute noch existiert; zu den ersten Angestellten gehörten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Als Bankier engagierte sich Langen beim A. Schaaffhausen'schen Bankverein, einem Vorläufer der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen. Die Schwebebahn in Wuppertal erfand er auch, samt Namen, quasi nebenbei.

Als am langlebigsten und finanziell wohl einträglichsten erwies sich Langens Partnerschaft mit den Pfeifers. In Elsdorf, einem Weiler zwischen Köln und Aachen mit Bahnanschluss, nahmen sie 1871 ihre erste Fabrik in Betrieb. Technisch lag sie vorn, Arbeit war billig, und Zucker wurde gerade vom Luxus- zum Massengut: paradiesische Zustände.

Schon 1913 gehörten die Langens und die Pfeifers ausweislich der Millionärsliste eines ehemaligen preußischen Beamten zu den vermögendsten Familien im Kaiserreich. Ehen mit anderen Unternehmerclans und Adelsgeschlechtern festigten Macht und Vermögen durch Blutsbande.

105 Gesellschafter zählt die Familienholding heute. Keiner hält mehr als 6 Prozent des Kapitals von knapp 120 Millionen Euro der Pfeifer & Langen Industrie- und Handels-KG, die meisten weniger als ein Prozent (siehe Grafik). Nur wenige tragen noch die Nachnamen ihrer Ahnen, was das Verstecken leichter macht. In Kölns höherer Gesellschaft werden zwar gelegentlich ein paar Familienmitglieder gesichtet. Aber dass sie Miteigentümer eines Markenreiches mit Milliardenumsätzen sind, wissen oft nicht mal gute Bekannte. Gesprächsanfragen für diesen Beitrag lehnte die Familie ab.

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Neben dem Zuckerbusiness gebietet der Clan über die Intersnack Group, mit 2,4 Milliarden Euro Umsatz hierzulande Marktführer für salzige Knabbereien.

Dritter Pfeiler der Holding ist eine 50-Prozent-Beteiligung an der Krüger-Gruppe in Bergisch Gladbach. Die setzt mit allerlei süßen Marken und Heißgetränken 1,5 Milliarden Euro um. Das Kaffeekapselsystem K-fee von Aldi Süd etwa stammt von Krüger. Und die Patronen für den Kaffee bei Starbucks Börsen-Chart zeigen? Dito. Als Finanzchef in Bergisch Gladbach schaut Familienoberhaupt Guido Colsman (50), ein Nachfahre von Eugen Langens Tochter Margarete, Patriarch Willibert Krüger (77) und dessen Sohn Marc (38) über die Schultern.

Intersnack machten die Pfeifers und Langens über eine ganze Reihe von Fusionen und Kooperationen groß. Schon wenige Jahre nach der Gründung der eigenen Knabbermarke Chipsfrisch Ende der 60er Jahre gingen sie mit den Konkurrenten Pfanni und Chio zusammen.

Seither wurde munter zugekauft, im In- und Ausland. Partner wurden sukzessive ausbezahlt, sodass das Knabberreich heute komplett in Familienbesitz ist.

Beim Zucker expandierte der Clan ähnlich tatkräftig. Die Eigner übernommener Zuckerbetriebe wurden jedoch oft am Familienkonzern beteiligt. Das spart Cash. Rund 20 Prozent des Holdingkapitals entfallen auf Familienfremde wie den Mehrheitseigner von Grafschafter Goldsaft, dem süßen Rübensirup in den goldgelben Töpfchen, der zu 30 Prozent den Pfeifers und Langens gehört.

Übernehmen, aufsaugen, wachsen: Über die Strategie wacht ein Gesellschafterausschuss mit einem Dutzend Mitglieder. Dazu holt die Sippe guten Rat ein von gestandenen Großmanagern wie Hans-Otto Schrader (61), langjähriger Chef der Otto Group. Treffen, ob vertraulich oder gesellig, finden schon mal im familieneigenen Klub statt, den der Clan in einer seiner Immobilien in Kölns City unterhält.

Dank üppiger Gewinne ging das Managen lange Jahre leicht von der Hand. Aber das ist nun vorbei - perfiderweise in allen drei Geschäftsbereichen gleichzeitig. Intersnack und Krüger ächzen unter der Einkaufsmacht der Handelsmultis. 2015 wehrte sich Intersnack zwar tapfer dagegen, seine Markenchips bei Aldi verramscht zu sehen, knickte aber am Ende ein - um dann zur Strafe von Edeka-Tochter Netto ausgelistet zu werden. Kleinlaut kroch man zurück in die Regale, zu schmerzhaft reduzierten Preisen.

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