Montag, 30. Mai 2016

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Digitalisierung Kapitalismus auf Koks - wie die On-Demand-Economy die soziale Marktwirtschaft zerstört

Einkaufen? Putzen? Die Einkaufs- und Putzhilfe wird heute per App bestellt - IT-Konzerne bringen Kunden und freie Dienstleister gegen Provision zusammen. Was sich zunächst sehr praktisch anhört, könnte schon bald den Sozialpakt aus den Angeln heben: 53 Millionen Freiberufler gibt es in den USA bereits, das sind 33 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.

Die On-Demand-Economy hebt die soziale Marktwirtschaft aus den Angeln. Es gibt weder Sozialversicherung noch Feierabend. Es droht ein digitaler Feudalismus.

"Nur Deppen schleppen" - mit solchen Plakaten hat das Startup Shopwings noch vor Kurzem in Berlin und München geworben. Nun will die Rocket-Internet-Tochter etwa in Sydney wachsen. Kunden können sich dort online Lebensmittel aus dem Supermarkt bestellen. On demand, versteht sich, innerhalb von nur zwei Stunden soll der Einkauf vor der Tür stehen.

Es ist ein schwüler Mainachmittag in Berlin-Wedding, als Evgeny Valtser (28) durch die Gänge eines Lidl-Marktes eilt, das Smartphone, seine digitale Einkaufsliste, stets griffbereit. Den Shopwings-Claim kommentiert er mit einem schrägen Lächeln; er ist der, der schleppt.

Ein Sixpack Pepsi, Crunchips "Western Style", Schokopudding - knapp 20 Produkte sind es diesmal. "Ein guter Auftrag", sagt Valtser, schon nach 15 Minuten steht er mit seinem Wagen an der Kasse. Draußen lädt er den Einkauf in einen alten Opel Astra, den er zum Kunden ins fünf Kilometer entfernte Reinickendorf steuert.

Insgesamt vergehen knapp 45 Minuten, bis er seinem Smartphone, das jeden seiner Arbeitsschritte protokolliert, einen erfolgreichen Abschluss melden kann. Ungefähr 14 Euro verdient Valtser durchschnittlich für so einen Einkaufsauftrag, meist braucht er weniger als eine Stunde dafür. Shopwings wälzt die Kosten für Sprit, Versicherung und mobile Datenrate ebenso auf ihn ab wie das Risiko, sich beim Schleppen zu verletzen. "Shopper" sind Selbstständige.

Oliver Samwer (2. v. links, mit Rocket-Vorstand): Die Startup-Schmiede Rocket Internet setzt mit Unternehmen wie Shopwings auf die On-Demand-Economy
Valtser findet das trotzdem einen guten Deal. Er lebt eigentlich von Bafög und ist als Student krankenversichert. Für Shopwings, das zeitweise über 100 Rentner, Ex-Arbeitslose und Studenten wie ihn beschäftigte, hat sich das Geschäft bei einer Liefergebühr von maximal 6,90 Euro noch immer nicht gerechnet.

"Wir wollen noch kosteneffizienter werden, ohne den Lohn zu senken", sagt Co-Gründer Conrad Bloser, ein ehemaliger Bain-Berater. Seine Idee: Der Wert der Pfandflaschen, die Kunden den Shoppern gern als Trinkgeld mitgeben, könne zum Beispiel mit ihrem Honorar verrechnet werden.

Pfandflaschen einsammeln: Machen das nicht üblicherweise Menschen, die arm und ohne Hoffnung auf eine gesicherte Existenz sind? Ja, und neuerdings auch ein Startup, das mit rund zwölf Millionen Euro zu den besser finanzierten gehört.

Die Pfandflasche ist geradezu symbolhaft für ein Geschäftsmodell, das sich derzeit von Kalifornien aus mit aller Macht in die Welt ausbreitet: willkommen in der On-Demand-Economy, in der jeder lousy Penny zählt. Die neue Wirtschaftsform könnte das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit nachhaltig verändern. Zugunsten des Kapitals, versteht sich.

Kunden und Dienstleister zusammenbringen

Zunächst einmal klingen die Geschäftsmodelle verlockend: Die ausgeklügelten Apps von Shopwings, Uber und Co. bringen gegen Provision Kunden und freie Dienstleister auf besonders effiziente und bequeme Weise zusammen. Dank Smartphones, Internet-Flatrates und Cloud-Computing sind die Transaktionskosten für Unternehmen, die auch komplexe Aufgaben an freie, statt eigene Mitarbeiter vergeben, in den vergangenen Jahren rapide gesunken.

Wachstum und Fortschritt basieren seit je auf Effizienzgewinnen, sie haben uns erst aus der Abhängigkeit der Scholle und später aus dem Elend der frühen Industrialisierung befreit. Nun schreitet der Kapitalismus in die nächste Phase dieser Befreiung: Die neuen Fuß- und Kopfarbeiter können jederzeit frei entscheiden, wann, wie und für wen sie arbeiten wollen. Libertäre Valley-Ideologen sind begeistert.

Die Betroffenen oft weniger. Denn die Entwicklung hat längst auch qualifiziertere Berufe wie Anwälte (Upcounsel), Programmierer (Topcoder), Consultants (Eden McCallum) oder Vertriebler (Universal Avenue) erfasst. Die Plattform Upwork vermittelt bereits 9,3 Millionen Fachkräfte an rund 3,7 Millionen Firmen in der ganzen Welt.

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