Dienstag, 17. Juli 2018

Nextdoor: Milliardenbusiness mit der Nachbarschaft Der Mann mit dem goldenen Brett für nebenan

Nirav Tolia
Ole Schleef für manager magazin
Nirav Tolia

Nextdoor-Gründer Nirav Tolia macht aus Nachbarschaftshilfe ein Milliardenbusiness.

Die folgende Geschichte erschien in leicht anderer Version zuerst Ende Juli 2017 in der Augustausgabe manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Auf den ersten Blick wirkt Nirav Tolias (45) Geschäft so lukrativ wie ein Schwarzes Brett im Supermarkt. In seinem sozialen Netzwerk Nextdoor verschenken Nachbarn ihre Sofas, fragen nach Empfehlungen für Kinderzahnärzte oder suchen Elektriker. Und doch hat Tolia aus dem Vernetzen von Nachbarn ein Milliardenbusiness gemacht, ein Goldenes Brett.

Über 210 Millionen Dollar Risikokapital haben Valley-Fonds wie Benchmark (Twitter) und Greylock (LinkedIn) in Nextdoor gesteckt, mit über 1,1 Milliarden Dollar wurde die Firma bei der letzten Finanzierungsrunde bewertet. Eine Wette darauf, dass Tolia gelingt, was nicht mal Google oder Facebook geschafft haben: den lokalen Anzeigenmarkt zu knacken - weswegen zuletzt auch Axel Springer an einem Einstieg bei Nextdoor bastelte.

Tolia, Typ charismatischer Verkäufer mit strahlendem Lächeln und stets akkurat gescheiteltem Haar, ist so etwas wie der Prototyp des Silicon-Valley-Entrepreneurs. Er gehörte zu den ersten Mitarbeitern von Yahoo, später initiierte er den Netzwerkzirkel "Round Zero", bei dem sich auch ein gewisser Larry Page (44) Tipps für sein Start-up holte. LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman (49) ist ein enger Freund von ihm, Benchmarks Investorenlegende Bill Gurley (51) zählt zu seinen Vertrauten. Er hat alle Unternehmen von Nirav Tolia finanziert.

Wie das Business funktioniert? Der Seriengründer, auf Werbetour in seinem neuen Markt Deutschland, klickt sich auf dem Macbook durch seine Nachbarschaft Pacific Heights, eine der wohlhabendsten in San Francisco. Über 15.000 Nachbarn hat Tolia inzwischen in seiner engsten Umgebung akquiriert - rund 75 Prozent der Haushalte. Rein kommt nur, wer nachweisen kann, dass er dort wohnt. Von der Google-Suche ist die Seite abgeschirmt.

Aus den Unterhaltungen generieren Nextdoors Algorithmen Empfehlungen für Zahnärzte, Klempner oder Sushi-Restaurants. So baut Tolia ein Verzeichnis der lokalen Geschäfte auf, ein "Gelbe Seiten der nächsten Generation" - und die Anbieter zahlen, um hervorgehoben zu werden.

Einige Dutzend Millionen Dollar will Tolia 2017 einnehmen, ein kleiner Anfang. Denn der Markt der lokalen Anzeigen ist allein in den USA über 100 Milliarden Dollar groß - und noch immer offline. Die Dollar stecken in Anzeigenblättern und Gelbe-Seiten-Katalogen. "Sie suchen nach einem neuen Zuhause", sagt Tolia.

Zugleich will Nextdoor noch ein paar weitere Geschäftsmodelle mit abräumen: Kleinanzeigen, Immobilieninserate oder Stellengesuche sind schon in die Plattform integriert. Und wenn sich schon über Handwerker oder Babysitter ausgetauscht wird - wieso sollte Nextdoor nicht auch die Vermittlung übernehmen? "Alles denkbar". Die Modelle stehen längst in seiner Präsentation.

Anfangs wuchs Nextdoor äußerst langsam. Nach einem Jahr hatte Tolias Team gerade 175 Nachbarschaften online gebracht - von 170¿000 in den USA. Inzwischen erreichen sie 75 Prozent der US-Haushalte. Die Nutzerzahlen liegen im zweistelligen Millionenbereich, auch nach Großbritannien und in die Niederlande ist Tolia expandiert. In jeder einzelnen Nachbarschaft muss Tolia eine kritische Masse erreichen, damit das Netzwerk den Anwohnern nützt. "Das macht das Modell sehr schwierig", räumt er ein, "aber auch leicht zu verteidigen."

In Deutschland trifft Nextdoor auf einen lokalen Platzhirsch. Mit Nebenan.de hat sich bereits eine Kopie breitgemacht, die von einem erfahrenen Profi aufgebaut wird: Christian Vollmann (39), der für Oliver Samwer (44) diverse Internet-Start-ups aufgezogen hat und zu den ersten Investoren von StudiVZ gehörte. Er hat 5,5 Millionen Euro von Lakestar und Burda eingesammelt, um den Markt dichtzumachen. Heute ist Nebenan.de in 3200 deutschen Nachbarschaften mit einer halben Million Nutzer verankert.

Ausgerechnet der frühere StudiVZ-Geschäftsführer Marcus Riecke (51) soll für Tolia nun die Aufholjagd leiten. Am Kurfürstendamm haben sie ihr Büro aufgemacht. "Wir werden alles tun, was nötig ist, um zu gewinnen", sagt Tolia.

Nextdoor geht dabei bis in die rechtlichen Graubereiche. Potenzielle Nutzer werden bei der Anmeldung mit dem Aufregerthema Einbruch gelockt, über das sich andere Nachbarn schon auszutauschen scheinen. Selbst für billige Verkäufertricks - werben Sie neue Nachbarn, sonst müssen wir Ihr Konto schließen! - ist sich Tolia nicht zu schade. Da bekommt das Wort Nachbarschaftshilfe einen ganz neuen Klang.

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