Samstag, 21. Juli 2018

Weltgrößter Rückversicherer Wie Joachim Wenning die Münchener Rück umkrempelt

Münchener Rück: Der neue Chef und seine Mitstreiter
Fotos
Daniel Delang für manager magazin

Schnörkellos, direkt und ohne falsche Sentimentalitäten - mit Joachim Wenning zieht ein neuer Geist an die Spitze des weltgrößten Rückversicherers.

Die folgende Geschichte stammt aus der Mai-Ausgabe des manager magazins, die Ende April erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Es gab eine Zeit, da verkleidete sich Joachim Wenning (52) als Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer. Seine Promotion in Volkswirtschaftslehre hat er da, Mitte der 90er Jahre, gerade 24 Monate hinter sich. Wenning arbeitet bei der Münchener Rück als Vertragssachbearbeiter - also weit weg von den Leuten, die am Ende die Policen kaufen und die mit ihrem Ersparten sein Gehalt bezahlen.

Drei Monate lang begleitet er Vertreter der Hamburg-Mannheimer, die heute Ergo Börsen-Chart zeigen heißt und immer noch zur Münchener Rück gehört, auf ihrer Tour quer durch Hamburg, von einer Haustür zur nächsten. Schnell begreift er auf seiner Forschungsreise, dass die Theorie vom rational entscheidenden Kunden, vom stets den Überblick bewahrenden und alle Optionen abwägenden Homo oeconomicus in den Hochhäusern von Billstedt und den Arbeiterquartieren von Wandsbek keinen Pfennig wert ist.

Ein Vertreter, der es nicht schafft, seinem Kunden sehr schnell ein Gefühl von Vertrauen einzuflößen, wird auch keine Police verkaufen. Da mag er sich noch so gut auskennen. Gute Verkäufer sind Menschenfänger, keine Theoretiker.

Der perfekte Verkäufer

Die Lektionen aus dieser Zeit wirken bei dem Mann, der Ende April zum Vorstandsvorsitzenden der Münchener Rück berufen wurde, bis heute nach. Seine Besucher empfängt Wenning mit offenem Blick aus blauen Augen und einem festen Händedruck. Er hat sich für ein spontanes Gespräch entschieden. Auf den ausführlichen Fragenkatalog, den viele seiner Kollegen im Vorfeld solcher Gelegenheiten so vehement einfordern, verzichtet er.

Souverän und locker, aber mit einem sicheren Gespür für die richtige Distanz, spricht er über seinen Arbeitgeber. Der perfekte Verkäufer.

Als er den Fragebogen des französischen Schriftstellers Marcel Proust beantwortet, gewährt er einen kontrollierten Blick in sein Inneres, ohne allzu Persönliches preiszugeben. Auf ein heimlich geschossenes Foto, das ihm überraschend vorgelegt wird und die Vorstände von Allianz Börsen-Chart zeigen und Münchener Rück vor einem gemeinsamen Mittagessen zeigt, reagiert er eher amüsiert als verschreckt. Das Bild muss echt sein, er ist drauf.

Der Mann freut sich auf seinen neuen Job, auch auf die Prominenz, die damit einhergeht.

Wenning ist erst der Neunte, der in 137 Jahren Unternehmensgeschichte zum Chef des Rückversicherers gewählt wird. Und der Erste nach dem Firmengründer, der nicht Jura studiert hat.

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