Freitag, 17. August 2018

Kampf gegen Monopole Geht es Amazon und Google an den Kragen?

Monopole: Trustbusters II
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AFP

Eine neue Bewegung macht mobil gegen den endlosen Fusionsreigen - und die Allmacht von Google und Amazon.

Die folgende Geschichte stammt aus der Dezemberausgabe des manager magazins, die Ende November 2017 erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ich will mal mit einem etwas anderen Ton anfangen", sagt Barry Lynn. "Es gibt nur zwei Arten von Freiheit: die Freiheit von Sklaverei und die Freiheit, andere zu versklaven." In Amerika sei es an der Zeit, wieder für die erste Form der Freiheit zu kämpfen, Plutokraten und Wirtschaftsriesen zu entmachten. Denn: "Die Monopolisten von heute bauen zügig Strukturen auf, die nach Sklaverei schmecken."

Starke Worte, gesprochen auf einer großen Ökonomenkonferenz an der Universität von Chicago, Ende März. Der ehemalige Wirtschaftsjournalist formuliert sie so ruhig, als seien es Selbstverständlichkeiten. Lynn (56) leitet das "Open Markets"-Programm beim Washingtoner Thinktank "New America", er fordert seit Langem eine neue Antitrust-Offensive und einen Paradigmenwechsel der Kartellpolitik. Dass diese Tagung zu den Konzentrationstendenzen in der US-Wirtschaft überhaupt stattfindet, ist auch ein Meilenstein seiner Arbeit.

Weltbekannt indes wird Lynn ein Vierteljahr später: In einer Pressemitteilung lobt er die EU-Rekordstrafe von 2,42 Milliarden Euro gegen Google Börsen-Chart zeigen. Daraufhin feuert ihn sein langjähriger Arbeitgeber abrupt. New America wirft ihm unkollegiales Verhalten vor. Google ist ein wichtiger Förderer der techorientierten Denkfabrik, bestreitet aber jede Einflussnahme.

Lynn hält dagegen: Vonseiten des Konzerns sei massiver Druck gekommen, berichtet er und verweist auf Mails und Recherchen etwa der "New York Times". Das gesamte Open-Markets-Team muss nach dem Eklat gehen. Es hat sich inzwischen selbstständig gemacht und erlebt eine Welle der Unterstützung.

"Wir werden gewinnen", sagt Lynn heute. 2016/17 sei ein Wendepunkt in der Antitrust-Debatte gewesen: "Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es richtig Bewegung."

Der Triumph von Donald Trump hat in den USA nicht nur die Macht des Geldes grell beleuchtet. Er zeigt vor allem, dass die Politik dringend neue Antworten auf die chronischen Schwächen der US-Wirtschaft braucht: lahmer Produktivitätsfortschritt und geringe Lohnzuwächse, dramatische Ungleichheit und eine ohnmächtige Wut der einfachen Arbeitnehmer.

Eine wachsende Gruppe von Ökonomen und Politikern nimmt mittlerweile immer lauter das fast vergessene M-Wort in den Mund: Monopolisierung erdrossele das Wachstum, und damit letztlich Rechtsstaat und Demokratie, weil die Konzerne de facto unangreifbar werden. Nach der schleichenden Kartellierung in der Old Economy drohe als Nächstes ein Durchmarsch der Digitaltitanen: Google Börsen-Chart zeigen, Amazon Börsen-Chart zeigen, Facebook Börsen-Chart zeigen und Apple Börsen-Chart zeigen - genannt "GAFA". Oder "die Viererbande".

Barry Lynn erinnern die Kolosse an die Ära der "Räuberbarone", der Öl-, Stahl- und Eisenbahntycoons, die Amerika schon einmal in eine Plutokratie verwandelt haben. Gebrochen wurde diese Vorherrschaft der Superreichen schließlich von einer Gegenbewegung, die sich selbst als "Populisten" bezeichnete - und die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein scharfes und mächtiges Wettbewerbsrecht erfand.

Dass die Konzentration in der US-Wirtschaft zuletzt drastisch zugenommen hat, ist durch viele Studien belegt. Sogar der Rat der Topökonomen im Weißen Haus nahm sich das Thema gegen Ende der Obama-Amtszeit vor. Die Zahl der Neugründungen und börsennotierten Unternehmen sinkt seit Jahren. Die Hälfte des Gewinns sämtlicher US-Aktiengesellschaften entfiel 2015 auf gerade mal 30 Konzerne.

Ob Banken oder Digitales, Airlines oder Bier - viele Branchen werden von Oligopolen mit weniger als einer Handvoll unabhängiger Player dominiert. Der Reigen der Megafusionen nimmt kein Ende: Bayer Börsen-Chart zeigen kauft Monsanto Börsen-Chart zeigen, Praxair will mit Linde Börsen-Chart zeigen verschmelzen, Broadcom Börsen-Chart zeigen greift sich Qualcomm Börsen-Chart zeigen.

Solche Übernahmen gab es schon immer - was diesmal anders ist: Es entsteht eine Ökonomie der Superstars, in der nicht nur die Löhne vieler Normalverdiener stagnieren, sondern auch die Kapitalrenditen äußerst ungleich verteilt sind. Während die breite Masse sich so durchwurstelt, räumen einige Dutzend Spitzenkonzerne ab.

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