Freitag, 16. November 2018

Mädchen gegen Jungs in der Luxusindustrie Der Comeback-Versuch der Stil-Ikone Natalie Massenet

Mode-Ikone Natalie Massenet: Dompteurin im Fashion-Zirkus
DPA

3. Teil: 15 Minuten bis zum Heulkrampf

IT’S TIME THE BIG BOYS TAKE OVER."

Richemonts Verwaltungsratspräsident Johann Rupert, als er Net-A-Porter übernahm

Massenet hielt dagegen. Sie launchte die App Net Set für mobiles Shopping auf iPhone, iPad und Apple Watch, baute das Shoppingportal The Outnet für Ausverkaufsware auf und brachte das Printmagazin "Porter" heraus. Im Februar 2015 berichtete sie auf dem Strategietreffen mit ihren Führungskräften von gut laufenden Geschäften.

Dann kam der Anruf. Finanzchef Gary Saage und CEO Richard Lepeu baten zum Sondermeeting nach Genf. 15 Minuten. Danach stand Massenet heulend auf der Straße und rief Carmen Busquets an: Man habe ihr eröffnet, dass ein Merger zwischen Federico Marchettis Yoox und Net-A-Porter ausgehandelt worden sei. Yoox würde Net-A-Porter für 950 Millionen Pfund kaufen, Richemont danach noch 50 Prozent an den zusammengelegten Unternehmen halten. Massenet sollte Präsidentin des Verwaltungsrats werden, Marchetti CEO.

Am gleichen Tag hatte Massenet ein Treffen mit den Investmentbankern von Morgan Stanley, die in ihrem Auftrag den Wert von Net-A-Porter taxieren sollten. Deren Schätzung: 1,8 Milliarden Pfund. Das Doppelte. Zu spät, beschieden ihr die Konzernvorstände, der Deal mit Marchetti war bereits festgezurrt, an dem Abkommen nicht mehr zu rütteln.

Frühinvestorin und Minderheitseignerin Carmen Busquets wandte sich umgehend an Richemonts Verwaltungsratspräsidenten Johann Rupert. Sie wollte wissen, wie der Konzern dazu komme, Net-A-Porter hinter dem Rücken der Gründerin und CEO und ohne transparentes Bieterverfahren zu verkaufen. Und wie überhaupt der Firmenwert taxiert worden sei? "It's time the big boys take over", sagte Rupert während einer Konferenz, zu der Busquets zugeschaltet war.

Sie engagierte den Anwalt Lord David Gold, einen Spezialisten für Corporate Governance: "Man würde doch meinen, die Minderheitsaktionäre wären geschützt allein durch den Umstand, dass der Mehrheitsaktionär nicht im Traum daran denkt, unter dem höchstmöglichen Marktangebot zu verkaufen", sagt Gold. Und vermutet, der Kaufpreis von 950 Millionen Pfund sei von Richemont selbst festgesetzt worden.

Wer hat wann mit wem gedealt? Die Lage ist undurchsichtig. Richemont äußert sich zu alldem nicht. Auch von Natalie Massenet kein Wort.

Definitiv als Gewinner vom Platz ging Yoox-Gründer Marchetti. Ihn katapultierte die Übernahme des deutlich prestigeträchtigeren Net-A-Porter "in die Poleposition, um das E-Commerce-Rennen zu gewinnen, das der gesamten Luxusindustrie die Hölle heißmacht", so das Urteil von "Business of Fashion".

Nach zähen Schlichtungsverhandlungen legte Richemont schließlich doch noch ein paar Hundert Millionen auf den Unternehmenswert drauf und zahlte an die Kleinaktionäre nach. Massenet blieb nach der Übernahme zunächst an Bord. Marchetti nahm sich ein Büro in London und tönte in der "Financial Times", es gebe nur einen Chef, und das sei er.

Im September 2015, kurz nach ihrem 50. Geburtstag, den sie mit Freunden und Familie in Positano feierte, gab Massenet dann ihren Rücktritt bekannt. Der Ausstieg und Verkauf ihrer restlichen Anteile inklusive aller finanziellen Zutaten hat ihr laut Bloomberg noch einmal über 100 Millionen Pfund eingebracht.

Am Vorabend des Fashion Award empfängt sie zu einer exklusiven Party in einer Maisonette mitten im Londoner Stadtteil Belgravia. Hausherrin ist Lauren Santo Domingo, genannt LSD, die Co-Gründerin der Net-A-Porter-Konkurrenz Moda Operandi.

Massenet, schwarzes Spitzenkleid mit bunten Stickereien, ist umlagert von Models und Modegrößen. Sie macht sich gerade ein bisschen über den neben ihr stehenden Bestsellerautor und "Vanity Fair"-Kolumnisten Derek Blasberg lustig, der bereits als neuer Truman Capote gehandelt wird: "Ich glaube ja nicht, dass er so ein netter Kerl ist." Alle lachen. Sie plaudert mit der Mutter von Tesla-Guru Elon Musk, die gar nicht mitbekommen hat, dass Massenet bei Net-A-Porter ausgestiegen ist.

Spricht man sie auf ihre alte Firma an, beteuert sie, diese Phase hinter sich gelassen zu haben. Offenbart dann aber doch das "sehr eigenartige Gefühl, als wäre ein Kind, das man großgezogen hat, nun in einer ganz anderen Liaison, in der es zu einem anderen Wesen wird".

In der Szene wird sie längst als heiße Kandidatin für einige ganz große Jobs gehandelt, etwa die Nachfolge von Anna Wintour bei der "Vogue". Der hätte die in Paris und Los Angeles aufgewachsene Massenet voraus, dass sie beide Welten bestens kennt. Die Spekulationen lächelt sie weg und verrät nur sibyllinisch: "Es ist immer noch möglich, dass Dinge neu entstehen und sich erheben wie Phönix aus der Asche." Mit Natalie Massenet wird noch zu rechnen sein.

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