Freitag, 20. Juli 2018

Wer informiert Aktionäre am besten? Darum ist dieser Mann der Liebling der Dax-Investoren

Gesamtsieger: Merck-CFO Marcus Kuhnert ist „Investors’ Darling 2017“

Zwei Drittel aller Dax-Werte verschweigen, wie sehr Zukäufe deren Wachstum treiben. Mercks Finanzchef Marcus Kuhnert macht es besser. Deswegen liegt er bei der Wahl zum "Investor's Darling 2017" des manager magazin ganz vorne.

Die folgende Geschichte stammt aus der Oktoberausgabe 2017 des manager magazins, die Ende September erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Neben dem Vorstandsgebäude von Merck Börsen-Chart zeigen im Darmstädter Norden ragen meterhohe Eisenstangen aus dem Boden: das Überbleibsel einer Tankstelle, die derzeit abgerissen wird. Die gläserne Pyramide, Lieblingsobjekt eines längst pensionierten CEOs, ist bereits weg. Überall auf dem stadtteilgroßen Industriekomplex wird demoliert, gebaggert und gehämmert - für das geplante Innovationszentrum. Von seinem Fenster aus blickt Finanzvorstand Marcus Kuhnert auf eine gigantische Baustelle.

Viel Neues soll werden, fertig ist noch nichts: So könnte man auch Mercks drei Sparten beschreiben. Die Nachrichten in den vielen Mappen auf Kuhnerts Schreibtisch über das Geschäft mit Laborausrüstungen und das mit Medikamenten waren zuletzt gar nicht schlecht. Allein die Erwartungen an die dritte Sparte, die Flüssigkristalle für TV, Computer- und Smartphonebildschirme herstellt, hat der CFO zuletzt enttäuscht, wegen der harten Konkurrenz in China. Der Aktienkurs ist seit Mai um fast 20 Prozent gebröckelt.

Wenn sie genau hingesehen hätten, wäre den Investoren aufgefallen, dass das rasante Umsatzwachstum im vergangenen Jahr (plus 17 Prozent) vor allem der Übernahme des US-Laborausrüsters Sigma-Aldrich zu verdanken war. Organisch wuchs Merck nur um 3,2 Prozent.

Das ist bei vielen anderen Dax-30-Unternehmen genauso. Mit dem feinen Unterschied, dass die Darmstädter ihr zugekauftes Wachstum auch sauber ausflaggen. Das Gros der deutschen Konzerne verschleiert die externe Blutzufuhr.

Einen Hinweis auf die tatsächlichen Wachstumsraten im Dax liefert der Vergleich von Umsatz- und Goodwill-Zuwachs. Während die Erlöse der hiesigen Börsenchampions in der vergangenen Dekade um überschaubare 25 Prozent stiegen, schwoll der Goodwill, der die gezahlten Prämien auf den Firmenwert misst, um 66 Prozent an. Das zeigt: Es wurde viel und teuer zugekauft.

"Wachstum ist offenbar oft nur noch über Akquisitionen möglich", sagt Marc Tüngler, Geschäftsführer des Anlegerschutzverbands DSW. Sie überdeckten die Stagnation im Stammgeschäft.

Selbst Siemens und VW informieren Anleger nur "ausreichend"
Die Qualitätsunterschiede im Dax sind überraschend groß
Rang Unternehmen Reporting Investor Relations Kapitalmarkt Punkte Beur-teilung*
Halb-jahres-bericht Geschäfts-bericht Gesamt IR-Präsen-tation IR-Website Gesamt Per-ception Study Perfor-mance Gesamt
1 Merck 65,68 70,35 66,62 64,15 78 68,77 80,93 66,67 76,17 70,13
2 Fresenius 55,43 50,27 54,4 53,81 88 65,21 87,11 93,33 89,19 68,08
3 Continental 64,41 67,88 65,11 56,42 70 60,95 74,69 80 76,46 67,27
4 Allianz 61,38 71,2 63,34 54,83 86,5 65,38 75,06 70 73,37 66,96
5 Deutsche Telekom 66,3 77,85 68,61 44,25 88 58,83 64,26 73,33 67,28 65,28
6 Daimler 64,64 64,18 64,55 57 92 68,67 60,17 63,33 61,22 64,79
7 Vonovia 54,25 68,05 57,01 60,52 78,5 66,51 82,59 53,33 72,84 64,61
8 Deutsche Post 58,04 55,53 57,54 56,73 89 67,49 84,04 43,33 70,47 64,4
9 Bayer 63,88 73,2 65,74 49,39 93 63,93 70,22 46,67 62,37 64,19
10 Heidelberg Cement 56,58 53,61 55,98 54,27 76,5 61,68 84,19 56,67 75,01 63,4
11 Fresenius Med. Care 58,96 56,85 58,54 42,48 81 55,32 84,36 60 76,24 62,88
12 Infineon 55,12 70,04 58,1 43,02 56 47,34 82,58 80 81,72 61,96
13 Adidas 56,64 64,54 58,22 38,56 79 52,04 84,97 56,67 75,54 61,56
14 Henkel 52,47 67,13 55,4 48,76 86 61,18 74,26 60 69,51 61,37
15 ProSiebenSat.1 54,64 64,6 56,63 62,18 77 67,12 49,11 80 59,41 60,61
16 Münchener Rück 52,2 58,49 53,46 52,98 82 62,65 72,61 53,33 66,19 60,03
17 BASF 64,18 59,37 63,22 49,36 93 63,91 59,93 23,33 47,73 58,78
18 BMW 52,94 66,91 55,74 52,38 77,5 60,75 68,06 43,33 59,82 58,47
19 ThyssenKrupp 51,34 51,19 51,31 58,92 79,5 65,78 76,89 16,67 56,81 57,3
20 SAP 58,12 56,73 57,84 34,5 69 46 69,93 56,67 65,51 56,59
21 Beiersdorf 60,15 54,31 58,98 34,55 63,5 44,2 70,91 53,33 65,05 56,37
22 Lufthansa 48,95 61,59 51,47 47,08 76,5 56,89 70,04 30 56,69 54,66
23 Deutsche Börse 61,83 64,19 62,3 38,96 76 51,31 49,67 40 46,44 54,24
24 Volkswagen 64,15 73,92 66,11 45,58 65 52,05 50,93 6,67 36,17 52,91
25 Linde 62,84 62,47 62,77 52,7 78,5 61,3 38,96 10 29,31 52,29
26 Commerzbank 64,47 58,21 63,22 46,13 60,5 50,92 51,78 10 37,85 51,92
27 Eon 48,01 55,08 49,43 54,21 74 60,8 69,04 0 46,02 51,82
28 Siemens 44,72 57,66 47,31 44,54 62 50,36 76,65 20 57,77 51,36
29 RWE 51,75 54,94 52,39 41,78 73 52,19 70 0 46,67 50,61
30 Deutsche Bank 49,76 62,76 52,36 35,83 64,5 45,39 57,33 13,33 42,67 47,36
*Bewertungsskala:
mehr als 75 Punkte: sehr gut =
mehr als 65 Punkte: gut =
mehr als 55 Punkte: befriedigend =
mehr als 45 Punkte: ausreichend =
bis 45 Punkte: mangelhaft =
Quelle: Handelshochschule Leipzig

82 der insgesamt 160 Unternehmen aus der Dax-Familie haben 2016 zugekauft. Aber nur 29 davon legten im Geschäftsbericht offen, wie das Wachstum ohne Übernahme ausgefallen wäre. Das belegt die Analyse zur Finanzkommunikation deutscher Unternehmen, die das Team um Ökonom Henning Zülch von der Handelshochschule Leipzig seit 2014 jährlich für manager magazin erstellt. Nicht einmal versteckt im Anhang findet sich eine Zahl zum gesamten operativen Wachstum aus eigener Kraft. "Das ist inakzeptabel", kritisiert Bilanzexperte Zülch.

Damit hört die Heimlichtuerei allerdings noch lange nicht auf. Die Finanzkommunikation hat sich seit dem Start der Analyse 2014 im Durchschnitt zwar verbessert, von 47 auf 56 Punkte. Doch mehr als ein knappes "befriedigend" ist das nicht. Zumal selbst in der allerersten Börsenliga 9 von 30 Titeln nur die Note "ausreichend" erzielen, darunter zwei der größten Indexwerte: Siemens Börsen-Chart zeigen und Volkswagen Börsen-Chart zeigen.

Viele Schwergewichte werden von deutlich kleineren Werten deklassiert: Fünf der Top-Ten-Unternehmen stammen nicht aus dem Leitindex, sondern aus den Dax-Segmenten darunter.

© manager magazin 10/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH