Samstag, 18. November 2017

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Mehr Trial-and-Error in Unternehmen Perfekt will jeder - agil trauen sich wenige

Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung - weil so Informationen gewonnen werden können
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Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung - weil so Informationen gewonnen werden können

2. Teil: Mehr Experimentierfreude, bitte!

Wir im deutschsprachigen Raum sind Planer. Wir sprechen einander mit Sie an, wir bleiben innerhalb der Hierarchien - uns fehlt die Lockerheit, die man braucht, um Risiken eingehen zu können, uns fehlt der Pionier- oder Abenteuergeist, der uns gut tun würde. Wir schränken uns stattdessen ein. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Unternehmertum funktioniert nicht komplett durchgeplant. Ideen sind immer der Anfang - eine Gruppe gleichgesinnter will sie umsetzen, macht aus der Idee einen unternehmerischen Schritt, entwickelt sich so weiter.

Alter ist kein Verdienst oder Ausschlusskriterium

Auf diesem Weg lernt man, hat Erfolg und auch Misserfolg. Wenn man sich anschaut, wie oft Donald Trump oder Jeff Bezos bei Investitionen gescheitert sind, erkennt man, dass kontrolliertes Chaos wichtig ist. Wir müssen uns einlassen auf eine unbekannte Welt, in der wir die Bedürfnisse von morgen nicht kennen (Niemand konnte zum Beispiel vorhersehen, dass sich die SMS-Funktion des Handys einmal zu einem wichtigen Produktfeature entwickeln würde). Eine Wertschöpfungskette muss vor diesem Hintergrund veränderbar und anpassbar sein dürfen - sie muss flexibel bleiben.

Leider ist das immer noch zu oft die Ausnahme. Gerade bei uns im deutschsprachigen Raum gibt es kaum die Möglichkeit, aus dem eigenen Fachbereich auszubrechen und einmal in einem anderen Erfahrungen einzubringen? Einmal in der Produktentwicklung oder IT oder HR bleibt man dort und ist zu diesen Funktionen verdammt. Ich selbst hatte die Möglichkeiten Erfahrungen in verschiedene Branchen und Funktionen aufzubauen - jedoch im nicht deutschsprachigen Ausland.

Lassen Sie mich das mit weiteren Beispielen verdeutlichen: Gern fügen wir das Alter als essentielles Attribut einer Person hinzu. Als ob dies ein Verdienst oder ein Kriterium ist, aus dem man etwas ableiten kann. So als wäre jemand unter 30 zu jung für Verantwortung und über 50 zu alt für eine Idee. Damit reduzieren wir uns, schließen Chancen und Möglichkeiten aus. Für mich war Alter nie ein Kriterium. In meiner Zeit in den USA habe ich einen 63-Jährigen angestellt. Er war innovativer, motivierter, teamorientierter und hat besser gearbeitet als so mancher 40-Jährige, der mental bereits in Pension war. Es geht um mentale Flexibilität außerhalb des "So war es immer und so gehört es sich auch". Das Prinzip des Ausprobierens, des Experimentierens, des "Lass uns einfach einmal beginnen und dann adaptieren wir entlang des Weges"-Prinzip - ein Prinzip, dem - zugegeben - ein geordnetes Ingenieurwesen entgegensteht.

Ich bin überzeugt, wir haben eine fantastische Chance, die wir nicht versäumen dürfen. Mit der bestehenden Kompetenz, die im deutschsprachigem Raum eindeutig vorhanden ist, brauchen wir Leute, die überlegt mit etwas Experimentierfreude das Beste für eine Firma herauszuholen und permanentes Lernen als Weg zum Ziel ansehen. Das Streben nach Perfektion lässt uns niemals zu einem Ende kommen, aber mit ein paar Dehnungsübungen können wir die nötige Agilität beifügen.

Ursula Soritsch-Renier ist CIO bei Sulzer, einem international tätigen Maschinenbauunternehmen aus der Schweiz; Soritsch-Renier ist außerdem Mitglied bei Generation CEO, einem Netzwerk, das sich für die Förderung von Frauen in Führungspositionen einsetzt.

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