Freitag, 14. Dezember 2018

Meditation Innenansichten eines Chefs

Innenansichten: Meditierende Manager
Dieter Mayr für manager magazin

Was einst mit esoterischen Spinnern und Hippie-Rebellen in Verbindung gebracht wurde, gehört mittlerweile zum selbstverständlichen Ritual vieler Mächtiger. Eine Reise ins Reich der Geistesschulung.

Hamburg - Sie sitzen in lavendelblauen und sauerkirschroten Bademänteln um Vierertische, Frauen und Männer mit ölig glänzenden Gesichtern und Kopfwickeln, festgezurrt mit bunt gestreiften Baumwollkapuzen. Intensiv-herber Ölgeruch liegt in der Luft des kleinen Restaurants, wo gerade jedem von ihnen ein Teller mit demselben Gericht serviert wird; Reis und Linsen, Süßkartoffeln, grüner Spargel, gedünstetes Obst mit Chilischoten. Getränk des Tages und auch aller folgenden: heißes Wasser.

Hinter dem Einheitslook verbirgt sich eine Reihe Individualisten vom Zuschnitt deutscher Leistungsmenschen. Aus dem Wirtschaftsleben zumeist, wie der Abkömmling einer namhaften Messermanufaktur zum Beispiel, ein Unternehmensberater aus Kassel, ein Toparchitekt aus Osnabrück; auch ein Friseurmeister, Filmproduzent und gleich mehrere Ärztinnen sind darunter. Später kommt noch eine Schauspielerin dazu. Ein Politiker ist soeben abgereist.

Niemand nimmt weiter Notiz davon, dass aus dem Leib eines Teakholzelefanten ein Altar herausgeschnitzt wurde, mit Lotosblume, vor sich hin aschendem Räucherstäbchen und Buddhastatue. Die angeregten Gespräche drehen sich um die unmittelbaren Erfahrungen und Fragen: Was hat Doktor Susil verordnet, wer hat die ätzendste Medizin zu schlucken, wie waren die Behandlungen, wer schwitzte im Svedan, saß im Blütenbad, welche Folgen hielt dieses Mal Shirodhara, der Stirnguss, bereit? Plötzlich fragt jemand: "Wo ist eigentlich Walter?" Walter hat Abführtag, Vireka ... Gelächter.

Auffällige Disziplin

Ein Ayurveda-Resort auf einem einsamen Berg auf Mallorca. Entgiftung und Entschleunigung stehen auf dem Programm. Ruhe soll einkehren. Was nicht immer ganz einfach ist für die auf 24-Stunden-Erreichbarkeit Gepolten, die immer wieder verzweifelt den idealen Standpunkt im Garten für den Handyempfang suchen oder maulen, weil die Internetverbindung zusammengebrochen ist. Ansonsten: auffällige Disziplin, sich an den Tagesablauf zu halten, der bei Sonnenaufgang mit Yoga beginnt und mit Meditation endet.

Achtsamkeit, das neue Mantra der aufgeklärten Gesellschaft, hält nun auch in den deutschen Chefetagen Einzug. BMW-Chef Norbert Reithofer, sonst als äußerst nüchtern bekannt, nimmt in schöner Regelmäßigkeit einen Schluck Ingwerwasser zu sich, schließt seine Bürotür, und die Insider im Münchener Vierzylinder wissen: Jetzt wendet der Chef den Blick nach innen. Auch Peter Terium, RWE-Boss, zieht regelmäßig den Stecker. Er ist Vegetarier geworden und meditiert.

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner ist ayurvedisch dabei, und Wolfgang Reitzle hält sich schon seit den Anfängen seiner Karriere den Psychologen Jens Corssen als Privatguru. Gleich eine ganze Reihe von Topmanagern ließ sich von dem Verhaltenstherapeuten mit dem Konzept des "Selbst-Entwicklers" ein mentales Korsett basteln.

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