Dienstag, 19. März 2019

Meditation Innenansichten eines Chefs

Innenansichten: Meditierende Manager
Dieter Mayr für manager magazin

5. Teil: Meditierendes Vorbild

Kurze Zeit später in der Praxis von Ulrich Bauhofer, im noblen Teil der Münchener Altstadt. Mit dabei sechs schöne Blumen, drei süße Früchte und ein weißes, frisch gewaschenes Baumwolltaschentuch, getreu der Regieanweisung. Mit seinem kahl geschorenen markanten Schädel und dem stoischen Blick durch die Intellektuellenbrille verströmt Bauhofer Kojak-Anmutung, das Ganze im königsblauen Kaschmir-Outfit.

Bevor wir in einer Einzelsitzung eingewiesen werden in die "simple Methode" der TM, gilt es - Copyright soll Copyright bleiben - eine Unterschrift zu leisten, über das genaue Prozedere zu schweigen, auch das Mantra darf nie verraten werden.

Auf dem schwarzen Designerschreibtisch wurde der Apple-Bildschirm zur Seite geschoben, ein weißes Tischtuch ausgebreitet und ein kleiner Maharishi-Altar aufgebaut zwecks einer Dankbarkeitszeremonie an die alten Lehrer. Sandelholz und Reiskörner sind ebenfalls im Spiel und ein kurzer Gesang in Sanskrit. Als Hausaufgabe gibt's mit auf den Weg, morgens und abends je 15 Minuten zu meditieren. Lotossitz und Meditationsaccessoires sind nicht vonnöten.

So weit ist alles ganz einfach, komplizierter wird es, wenn man nach den Motiven forscht. Auf ehrliche Meditation komme es an, mahnen Kritiker, sie dürfe nicht als nächste Welle der Selbstoptimierung missbraucht werden. Nur dann habe sie wirklich eine ethische Dimension. Die Meditation im Westen darf nicht auch noch kapitalisiert werden und zu Lifestyle-Quatsch verkommen, mahnt die Soziale-Neurowissenschaftlerin Tania Singer. Dreimal nacheinander war die Max-Planck-Direktorin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und beobachtete jedes Mal ein noch größeres Interesse der Weltwirtschaftsführer an der Meditation. Ihre Sitzungen waren jedes Mal ruck, zuck ausgebucht.

Gut für den Menschen, für die Performance, für die Firma

Die Grenze ist fließend im Dreisatz: Was gut ist für den Menschen, ist gut für dessen Performance, ist gut für die Firma. In den USA etwa, wo die einst von den Hippies ausgelöste Meditationswelle zunächst Rock-, Pop- und Hollywood-Größen erfasste (Tina Turner, Cher, Richard Gere, Martin Scorsese, Clint Eastwood und natürlich David Lynch) und inzwischen die Teppichetagen geflutet hat, gibt ein milliardenschwerer Anlagestratege wie Ray Dalio unumwunden zu: "Mehr als alles andere war die Meditation der ausschlaggebende Faktor für jeglichen Erfolg, den ich je hatte." Dalio ist Gründer von Bridgewater, dem weltweit größten Hedgefonds. Auch für Philipp Hildebrand vom Vermögensverwalter BlackRock ist TM "in vielerlei Hinsicht ein Must".

Die IT-Elite ist nicht weniger infiziert. Im Februar versammelte sie sich in San Francisco zur Wisdom-2.0-Konferenz, getragen von den Start-up-Dynamos und digitalen Großmächten, vornweg von Google Börsen-Chart zeigen, das sich den hauseigenen Achtsamkeitstrainer Chade-Meng Tan leistet. Die Meditationseuphorie an der Westküste ist nicht neu. Zen wird dort schon lange praktiziert, Apple-Ikone Steve Jobs galt als glühender Anhänger.

Kraft sammeln, "sich resetten", ist für Claudia Derkum das zentrale Motiv, wenn sie nach innen blickt. Die Geschäftsführerin bei Axel Springer Direct leistet sich einen Personal Coach für Pilates, Yoga und Meditation. Mit dessen Hilfe stärke sie ihre Fähigkeit, bei Stress wie auf Knopfdruck abzuschalten und danach neu zu starten. "Ich muss eine stabile Säule sein", sagt sie. "Wenn es mir nicht gut geht, überträgt sich das schnell auf das Team."

Alerter Chef - alerte Company. Psychologen und Businesscoachs aller Couleur verweisen darauf, dass Mitarbeiter stets darauf achten, wie der Chef drauf ist, und genau das widerspiegeln. Die Leute wollen sich führen lassen, erklärt Jens Corssen, der schon lange in den Topetagen unterwegs ist und noch die alten Haudegen der Deutschland AG kannte. Normalerweise sehe der Chef den einzelnen Mitarbeiter nicht, sondern nur dessen Funktion anhand der Frage: "Bringt der mir was, die Pfeife?"

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