Dienstag, 19. März 2019

Meditation Innenansichten eines Chefs

Innenansichten: Meditierende Manager
Dieter Mayr für manager magazin

2. Teil: Mein Haus, meine Jacht, mein Guru

Was früher Sport und Fitness waren, sind heute Yoga und Transzendentale Meditation (TM). Es geht um Stressbewältigung, um Selbstoptimierung, und vielleicht, so die Hoffnung, leitet die neue Inwendigkeit auch einen längst fälligen Kulturwandel ein. Hinter immer mehr starken Managern steht ein starker Meditationstrainer, am besten gleich der Rinpoche aus Nepal, der Spitzenmanager ist auch da in der Spitzenliga unterwegs. Das neue Besitzstandstriptychon: Mein Haus, meine Jacht, mein Guru.

Traugott Hellnwein ist entsetzt, dass manche Chefs ein so persönliches Thema in die Öffentlichkeit tragen. Er möchte nur mit Pseudonym genannt werden. Anfang 50, schlank und energiegeladen, gute Ausstrahlung, einnehmendes Wesen - Hellnwein ist ein Zahlenmensch mit steiler Karriere, Vorstand der Finanzen in einem bekannten Konzern. Seine Vita ist wie die vieler anderer nicht verschont geblieben von den Brüchen globaler Neuformationen, ausgelöst durch eine Übernahmeattacke.

Als der Angriff Hellnwein ereilte, ging das einher mit permanentem Schlafentzug über viele Monate, Krisensitzungen, Rankünen, Psychostress bis zum Anschlag. Am Ende war nichts mehr zu machen. Da stand neben der Konzernkapitulation auch das Eingeständnis "Mir geht's dreckig", der Blick fiel in ein schwarzes Loch, angefüllt mit der Asche der über die Jahre abgefackelten Ressourcen. Burn-out. So weit nichts Neues.

Bei der Kur in Bad Ems trifft er auf den Münchener Arzt Ulrich Bauhofer; der ist eine prominente Anlaufstelle für ausgelaugte Topmanager. Bauhofer rät zur Transzendentalen Meditation, und Hellnwein merkt zu seinem Erstaunen schon nach wenigen Wochen, dass innere Zwistigkeiten sich lösen können wie verspannte Muskulatur. Ein Jahr hat es gedauert, bis die gröbsten Schleifspuren beseitigt waren. "Vorstände haben ja eine hohe Meinung von ihrem Können und ihren körperlichen Möglichkeiten, da wird völlig ausgeblendet, dass jeder eine Grenze der Belastbarkeit hat", sagt Hellnwein. Die Meditation hilft ihm nun, das Stoppschild nicht zu übersehen. Er "spürt sich plötzlich besser".

Das Schweigen der Manager

Im Münchener "Schumann's", Kantine der Aspiranten und High Flyer aller Branchen des prosperierenden Bayern, wartet Andreas von Schorlemer. Der Anwalt ist Mitglied des Rohwedder-Clans; sein Onkel, Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, wurde von RAF-Terroristen erschossen; der Bruder, Leiter der deutschen Niederlassung der Royal Bank of Scotland Börsen-Chart zeigen, werde zunehmend verschwiegener, und die Ex-Frau mache im Kulturministerium in Dresden mit seinem Namen Staat, grollt der Freiherr. Erleichterung versprach er sich von einer zehntägigen Vipassana-Meditation, das heißt in diesem Fall: Schweigen; und das im tief provinziellen Triebel im Vogtland.

Den Schlüssel des schicken Autos abgeben und auch das Handy, um vier Uhr aufstehen und meditieren bis Sonnenuntergang, kein Gefühl mehr in den Knochen, dazwischen karge Kost, danach die schmale Pritsche, nicht einmal ein Buch auf dem Nachttisch. Und kein Wort zu niemandem. Wer es gar nicht mehr aushält, dem wird einmal am Tag die Möglichkeit gewährt, dem Lehrer eine Frage zu stellen. Am Mittag ein Spaziergang im Wald, Frauen und Männer auf streng getrennten Pfaden.

Gerade wollen wir Mitleid anbieten, da schauen wir in seine glänzenden Augen und erfahren die Fortsetzungstermine seiner Reise nach innen. Ein Kick der besonderen Art? Mag sein, aber ein boomender. Die einschlägigen Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind allesamt auf Monate ausgebucht.

"Ich brauche keinen Kick, ich bin erfüllt", stellt gleich am Anfang unseres Gesprächs Antonio Arrigoni klar. Jeans, weißes Hemd, schwarze Nerd-Brille, graues Haar, am Handgelenk die obligatorische Rolex. Ein schlanker, jugendlich wirkender Mann mit Schweizer Akzent, der Finanzvorstand der Constantin Medien AG.

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