Montag, 25. März 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
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9. Teil: VW ohne Winterkorn? Geht das?

Angefressen auch von den Sticheleien aus Salzburg, nimmt Winterkorn nun solche unangenehmen Realitäten nur noch partiell wahr. Problemgespräche mit den Amerika-Verantwortlichen finden immer seltener Platz im Kalender. "Die bringen nur Ärger mit", soll Winterkorn mal gesagt haben. Jene, die Probleme melden, fürchten selbst Ärger.

Und so bleibt, obwohl der Rückruf in den USA dann scheitert, in Wolfsburg alles weitgehend ruhig. Nur wenige Mahner trauen sich, die Misere offen anzusprechen. Kommen aber nicht durch. "Er war am Ende nicht mehr erreichbar", blickt einer aus der Konzernspitze zurück.

Winterkorn mag sich nicht mehr neu erfinden, er führt, wie er es bei Piëch gelernt hatte. Doch der hatte nur einen etwa halb so großen Konzern gemanagt. Zu Volkswagen gehörten längst auch Trucks, Motorräder und Schiffsdiesel. Einer allein kann da nicht den Überblick behalten und überall gleichzeitig präsent sein.

Martin Winterkorn wirkt zunehmend überfordert. Und dann bricht auch noch der Konflikt mit Ferdinand Piëch offen aus. Mal mäkelt der Aufsichtsratschef, Winterkorn sei nicht der Richtige, ihn an der Spitze des Aufsichtsrats abzulösen. Dann klagt er, der Konzern verstehe die USA "nur zu einem gewissen Grad". Und als ihm ein Manager ein Billig-SUV des chinesischen Herstellers Great Wall zeigt, fragt er genervt: "Warum können wir das nicht?"

All diese Kritik landet auch bei Martin Winterkorn. Sie tut weh.

In ein zentrales Projekt wie die letztlich gescheiterten Fusionsverhandlungen mit FiatChrysler weiht Piëch den CEO lange nicht ein. Salzburger Vertraute und Hans Dieter Pötsch übernehmen die Gespräche. Der heutige Chefaufseher gewinnt an Bedeutung; er begleitet Winterkorn immer häufiger bei dessen Piëch-Besuchen.

Im Hintergrund stichelt Ursula weiter. "Meine Frau sagt, er muss weg", vertraut Piëch einem Gesprächspartner an.

Gerüchte machen die Runde, Piëch wolle Ehefrau Ursula zu seiner Nachfolgerin machen. Piëch geht "auf Distanz zu Winterkorn", findet aber keine Verbündeten und gibt zwei Wochen später alle Konzernämter ab.

Winterkorn hat den Machtkampf gewonnen, den Patriarchen aus dem Weg geräumt. Das hat vorher noch keiner geschafft. Er hat jetzt den alleinigen Durchgriff, scheint auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen - und ist doch geschwächt.

Denn Ferdinand Piëch mag zum Schluss gestört haben. Nun fehlt er.

Ganz besonders am 18. September 2015, an jenem Freitagabend, als die amerikanische Umweltbehörde mit einer "Notice of Violation" die anfangs nur auffälligen Abgaswerte in den USA als Gesetzesverstoß einstuft. Und mögliche Milliardenstrafen in den Raum stellt. Fünf Tage später, am 23. September, wird Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fallen.

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